Individualisierung im Zeitalter der Postmoderne – Pro und Kontra des Lebens in einer von Individualisierung geprägten Gesellschaft

Individualisierung im Zeitalter der Postmoderne – Pro und Kontra des Lebens in einer von Individualisierung geprägten Gesellschaft

Inhaltsverzeichnis Seite

1. Einleitung 3

2. Zur aktuellen Situation – Individualisierung in der Postmoderne
- Begrifflichkeiten und Abgrenzung des Forschungsfeldes 4

3. Allgemeine Trends und Entwicklungen 8

4. Ambivalenzen zwischen Sicherheit und Freiheit, 11
Markt und Individualität

5. Schlussbetrachtungen 16

6. Literaturverzeichnis 18

1. Einleitung

Individualisierung und generell Fragen, die sich um das Subjekt und das Themenfeld der Identität drehen, sind seit Anbeginn ein Kernbereich der sozialwissenschaftlichen Forschung. Das Individuum, der Einzelne ist das kleinste Element einer zu betrachtenden Gesellschaft. Erst die mikrosoziologischen Erkenntnisse erlauben Zusammenhänge auch im Größeren zu denken und zu erforschen. Dabei hat sich die Individualisierungsforschung im Laufe der Soziologie Geschichte stetig geändert, von der Annahme eines Subjekts und Individuums überhaupt bis hin zu der weit verbreiteten Vorstellung, in einer von Individualisierung geprägten Gesellschaft zu leben, reicht dabei die Spannbreite und Fortschritt in der soziologischen Betrachtung.
Der Schwerpunkt dieser Arbeit soll in der Gegenwart liegen und sich mit dem Phänomen der Individualisierung aus aktueller Perspektive befassen. Dabei wird natürlich auch auf die wichtigsten Faktoren eingegangen, die der Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten zugrunde lagen, um ein Verständnis für die derzeitige Situation und Diskussion zu entwickeln. Als theoretischer Rahmen, hinter dem die Betrachtungen über Individualisierung hier erfolgen soll, dient die Konzeption der Moderne-Postmoderne Entwicklungstheorie. Vor allem eine kritische Betrachtung dieser Konzeption steht hier im Vordergrund wie sie auch von Soziologen wie Zygmunt Bauman vertreten wird, der gerade auf die Verlierer dieses Modernisierungsprozesses hinweist. Dabei ist es weniger entscheidend, welchen Namen diese Nach-moderne trägt, ob Postmoderne oder den von Ulrich Beck bevorzugten Begriff >>Reflexive Moderne< < (bzw. >>zweite Moderne< <) oder verspätete Moderne u. dergl., sondern entscheidend ist welche Phänomene der Realität sie beschreiben und wie sich das Leben in der derzeitigen Epoche gestaltet. Diese unsere Epoche, in der Schlagworte wie Globalisierung, diverse industrielle Revolutionen und Neo-Liberalismus aber auch damit einhergehend - Prekarisierung, Ausgrenzung und Konkurrenzdenken von entscheidender Prägung sind. Der zu betrachtende Fokus liegt hier vor allem auf unserer westlichen, hoch industrialisierten Welt Europas, der EU sowie vergleichbaren Regionen wie die USA, Kanada, Japan oder auch Australien. Dabei gilt es zu fragen, wie sich die These über die Individualisierung hier entwickelt hat, wie sie heute bewertet wird und welchen Einfluss sie im gesellschaftlichen Kontext ausübt. Der zweite Schwerpunkt soll bei der kritischen Hinterfragung einer auf Individualisierung getrimmten Gesellschaft liegen. Wem nützen diese Trends, passen sie in den forcierten Ideologietrend, wo liegen Gefahren, Vereinzelung des Individuums, Atomisierung der Gesellschaft? Die Frage nach den negativen Phänomenen, die diese Entwicklung verursachen, mit Blick auf die Exclusionsforschung soll im zweiten Teil im Mittelpunkt stehen.
Zunächst ist jedoch eine Abgrenzung des Themas und die Klärung einiger Begriffe entscheidend für eine fruchtbare Diskussion.

2. Zur aktuellen Situation – Individualisierung in der Postmoderne - Begrifflichkeiten und Abgrenzung des Betrachtungsgegenstandes

Der Fokus dieser Arbeit liegt zum großen Teil auf Phänomenen, die einen Bezug auf die Individualisierungsdebatte haben. In räumlicher Abgrenzung bezieht sich die Debatte hier auf die hoch entwickelte westliche (Post-) Industriegesellschaft, vornehmlich Deutschland und die EU. Dies macht aus folgenden Gründen Sinn. Geht man von einer evolutionären Entwicklung der Gesellschaften aus, so sind diese Erdregionen „am weitesten Fortgeschritten“ . In der frühen Phase der Moderne, im kolonialen Imperialismus und darüber hinaus bestimmten diese Erdregionen monopolistisch über die Ausrichtung des Denkens in Philosophie und Sozialwissenschaften, sämtliche Debatten waren vom westlichen Denken bestimmt. Nach der zu dieser Zeit entstehenden Modernisierungstheorie erfolgte die Aufteilung der Welt in eine hoch entwickelte „erste Welt“ und den Rest, die unterentwickelte, den Prozess der Modernisierung nachholende Teil der Welt – später „Zweite- und Dritte Welt“ – welche bis heute praktisch geltende Akzeptanz in Anspruch nehmen kann. Die starke Abhängigkeit vom Westen in der restlichen Welt erlangte einen kritischen Wiederhall in der Dependenztheorie der 60’er und 70’er Jahre. In Teilen haben die Erkenntnisse von damals immer noch Geltung. Der starke westliche Einfluss, vor allem im kulturellen und ökonomischen Bereich ist allgegenwärtig. Der westliche Lebensstil, soweit man ihn vereinheitlichen kann, strahlt über den gesamten Erdball seinen fragwürdigen, nachahmenswilligen Schein aus. Entwicklungen und Beobachtungen, die wir hier in unserem Kulturraum beobachten können, treten mit hoher Wahrscheinlichkeit und ähnlicher Form auch bald in anderen Regionen auf. Auch wenn die evolutionäre Gesellschaftstheorie „aus-gedient“ hat, so kann man eine gewisse Avantgarde des Westens nicht verleugnen. Deshalb macht es Sinn, sich auf diese Region und diesen Kulturkreis zu beschränken.
Zeitlich ist diese Untersuchung im Hier und Jetzt zu verorten. Vor allem aktuelle Phänomene und der aktuelle Zeitgeist stehen im Vordergrund. Dabei gilt es natürlich auch, Entwicklungen aufzuzeigen und Konzeptionen zu betrachten, die unsere Zeit theoretisch umformen. Vor allem die Entwicklung der letzten 30, 40 Jahre sind hier von entscheidender Bedeutung, die Krisen der Moderne, die zu neuen Konzeptionen führten und die Debatten von heute bestimmen. In diesem Sinne möchte ich mich vor allem auf die Postmoderne Konzeption festlegen. Der Begriff hat eine Gewisse theoretische Entwicklung und wissenschaftliche Rezeption hinter sich und scheint mir aus diesen Gründen geeignet, den Gegenstand zu beschreiben. Auch wenn der Begriff der Postmoderne vielfach in der Kritik steht und von vielen Sozial-wissenschaftlern mehr oder weniger abgelehnt wird, bietet er auch Vorteile. Der Hauptvorwurf liegt wohl in der Unbestimmtheit und Diffusität des Begriffs, der damit einer gewissen Beliebigkeit Tür und Tor öffnet. Deshalb gilt es an dieser Stelle den Begriff für die Benutzung in dieser Arbeit zu konkretisieren. Dabei beziehe ich mich hauptsächlich auf die Postmoderne Konzeption von Wolfgang Welsch und Zygmunt Baumann, die sich auch wieder auf Postmoderne „Klassiker“ wie Lyotard oder auch Baudrillard beziehen. Folgende Aspekte der Postmoderne möchte ich an dieser Stelle hervorheben: Es handelt sich keineswegs um das Ende der Moderne, sondern um einen fließenden Übergang, dessen Kern immer noch die Moderne bildet, diese sich aber vom bisherigen Verständnis und früheren Modernen wesentlich unterscheidet, so dass eine neue epochale Begrifflichkeit vonnöten ist. Das Projekt der Moderne wird hinterfragt, Moderne wird aufgebrochen und erweitert, ergänzt, verändert. Mit den Worten Lyotards: “So gesehen, bedeutet der Postmodernismus nicht das Ende des Modernismus, sondern dessen Geburt, dessen permanente Geburt.“ Der springende Punkt liegt in den Unterschieden zur traditionellen Moderne. War das Ziel der Moderne die Überwindung der Tradition und die Schaffung von Sicherheiten, so ist in der Postmoderne ein drang zu einem Mehr an Freiheit zu verzeichnen. Gab es in der Moderne noch „die großen Erzählungen“ und „Universalismen“, die auf Planung ausgelegten Konzepte einer größtmöglichen Integrität und Kollektivität, so gilt das für die Postmoderne nicht. „Die Moderne ist ein gesellschaftlicher Zustand des zwanghaften und süchtig machenden Planens“ Das Planen versucht Unsicherheit zu verhindern. Zwar haben einige „große Erzählungen und Universalismen“ überlebt wie etwa das Ideal der Menschenrechte, die heilsversprechenden Erwartungen an einen freien, kapitalistischen Markt, doch es sind mehr Rudimente der „großen Erzählungen“ übriggeblieben. Vor vierzig Jahren hatten diese Universalismen noch einen ganz anderen Stellenwert, die Welt war im kalten Krieg gespalten und der Marxismus war eine von diesen „Großen Erzählungen“. Heute hat das Planen mehr oder weniger ausgedient, es ist wohl auch bewusst geworden, dass es den perfekten Plan nicht gibt und die Fehler eines Plans unweigerlich zum nächsten Plan führen und so weiter, es also unmöglich zu einem Ende kommen kann. Anstelle dieses Planens ist ein neuer Pragmatismus angetreten. Selbst der eigene Lebensweg ist davon ausgeschlossen. Galt eine langfristige Planung des Lebens in der Moderne noch als ein Maß und Wert, so ist heute eher das Gegenteil eingetreten. Um das Problem um die Identitätenbildung in der Moderne und der Postmoderne mit den Worten Baumanns zu beschreiben: „Wenn das moderne >>Problem der Identität< < darin bestand, eine Identität zu konstruieren und sie fest und stabil zu halten, dann besteht das postmoderne >>Problem der Identität< < darin , die Festlegung zu vermeiden und sich die Optionen offen zuhalten. [...] ,wenn für die Moderne jenes Medium, das die Botschaft ist, das Foto war ([...]), dann ist das ultimative Medium für die Postmoderne das Videoband (leicht zu löschen und wiederverwendbar; danach kalkuliert, nichts für immer festzuhalten, sondern die Ereignisse von heute nur unter der Bedingung zuzulassen, dass die gestrigen gelöscht werden; und dabei sondert es die Botschaft der universalen >>Vorläufigkeit< < all dessen ab, was der Aufzeichnung für wert gehalten wird). Die zentrale identitätsbezogene Angst war in den modernen Zeiten die Sorge um Haltbarkeit; heute ist es das Interesse an der Vermeidung von Bindung. Die Moderne baute in Stahl und Beton; die Postmoderne in biologisch abbaubarem Plastik.“ Wichtig ist, die Postmoderne ist kein Garant für Stabilität, sondern mehr ein Ausdruck für Variabilität und Diskontinuität. Die Akzeptanz eines grenzenlosen Pluralismus ist meiner Ansicht nach das Kernelement der Postmoderne. Übertragen auf das Individualisierungsthema ergibt sich eine Beschleunigung dieses Prozesses in der Postmoderne, der seinen Ausgang jedoch schon weit vor der Moderne genommen hat. Ulrich Beck sieht ähnliche Phänomene in der von ihm bevorzugten Konzeption einer zweiten Moderne oder reflexiven Moderne gegenüber der Postmoderne Konzeption: „... Zweitens wird die Zuordnung zu vorgegebenen Kollektivkategorien durch die Intensivierung von Individualisierungs-prozessen brüchig. Überhaupt ist eine Art institutionalisierter Individualismus für die Gesellschaften der Zweiten Moderne kennzeichnend. Das erklärt sich damit, dass zentrale Basisinstitutionen der Gesellschaft wie Bildung, soziale Rechte, politische und zivile Rechte, aber auch Arbeitsmarktbeteiligungschancen oder Mobilitäts-prozesse auf das Individuum ausgerichtet sind und nicht auf die Gruppe oder die Familie. Damit wird die Individualisierung insgesamt beschleunigt. Sie wird zu einer immanenten Dynamik dieser Gesellschaft mit der Folge, dass die Kollektiv-definitionen und Kollektividentitäten von innen her aufgehoben werden, wie wir das in der Auseinandersetzung um die Familie erlebt haben.“
Mit dem vielschichtigen Begriff Individualisierung wird ein allgemeiner Prozess bezeichnet, der sicher schon seit der Entstehung von Gesellschaften, also kollektiven Verbunden, besteht. Für diese Arbeit sind jedoch nur die neuesten Entwicklungen dieses Prozesses von Bedeutung. Mit einigen Kernwörtern lässt sich der Gebrauch dieses Begriffs in dieser Arbeit umreißen. Auflösung kollektiver Gebilde wie Klassen und später Milieus, Entstandarisierung von Lebensläufen, Flexibilisierung und Mobilisierung der Lebenswelt, hybride Identitäten, Bastelexistenzen, Vereinzelungs-tendenzen und Atomisierung der Gesellschaft, Pluralitäten der Lebenswelten etc. – an dieser Stelle könnten sicher noch eine ganze Reihe anderer Schlagworte stehen, der Gebrauch des Wortes Individualisierung wird jedoch schon anhand dieser Verbindungen deutlich. Ebenfalls deutlich Sinn macht die Verbindung des Individualisierungskonzepts mit der Theorie der Postmoderne. Im Folgenden geht es um die Darstellung konkreter Phänomene und Tendenzen sowie Fehlentwicklungen.

3. Allgemeine Trends und Entwicklungen

Das Leben in unserer heutigen Zeit, unserer postmodernen Zeit ist gewiss ein anderes als das unserer Eltern und Großeltern. Eine Aussage der in den letzten zweihundert Jahren sicherlich jede Generation zustimmen würde, denn in dieser Zeit nahm die gesellschaftlich, wissenschaftliche und ökonomische Entwicklung der Menschheit, vor allem die des Westens einen rasanten, exponentiellen Verlauf. Dieser exponentielle Entwicklungsverlauf ist bei weitem nicht am Ende, im Gegenteil, die Beschleunigung wächst unaufhaltsam und in rasanter Weise. Deshalb fällt es auch schwer sich auf einen Punkt zu konzentrieren, da alles irgendwie in Bewegung scheint und ständiger Veränderung ausgesetzt ist, Beständigkeit als modernes Phänomen eher ausgedient hat, welches Zygmunt Baumann sicherlich auch dazu veranlasste, die Postmoderne-Konzeption durch die Konzeption der >>liquid modernity< < zu ergänzen. Was macht das Leben im Heute aus, wie individuell ist es? Dazu kann man der Frage nachgehen, wie ist das Leben strukturiert? Im Längsschnitt gliedert es sich im biologischen Sinne zwischen Adoleszenzphasen, der Erwachsenen Reproduktionsphase und dem Ausklingen des Lebens im Alter. Im sozialen Sinne und unter der Prämisse der Moderne verlief das Leben von der jugendlichen Ausbildungsphase über eine lange Phase der Erwerbstätigkeit mit eventueller Familienbildung und anschließender Pensionszeit. Der biologische Verlauf des Lebens ist abgesehen von einer kontinuierlichen Verlängerung unserer Lebensspanne nicht von der Entwicklung betroffen. Bei der sozialen Lebensbiografie sieht es dementsprechend anders aus. Galt die eben skizzierte Laufbahn als charakteristisch für die Moderne, so trifft das heute schon nicht mehr zu. Für den Querschnitt fallen die Veränderungen noch gravierender aus.
Nimmt man die Pluralität als obersten Maßstab unserer Zeit, so lässt sich folgendes beobachten:
Als Heranwachsender steht man einer schier nicht zu überschaubaren Menge an Lebensentwürfen und Lebensstilen gegenüber. Traditionen und deren Bindungen sind nur noch in Rudimenten vorhanden. Selbst die Kleinfamilie ist auf dem Rückzug und kann nicht mehr als die normale mikro-kollektive Größe angesehen werden. Schon das Problem der eigenen Identität ist heute ein ganz anderes als noch vor 40 Jahren. So etwas wie Klassenzugehörigkeit ist mit der Auflösung der Klassen für sich im Marxschen Sinne nicht mehr möglich. Traditionelle Werte und religiöse Bindungen sind ebenfalls nicht mehr sinnstiftend und weithin auf dem Rückzug. Die eigenen Eltern verlieren zusehends die Funktion von Leitbildern. Waren die Identitäten in vergangenen Zeiten eingebettet, in Stand, Klasse, soziale Herkunft, Beruf des Vaters etc. .., so spricht man heute von der entbetteten Identität. Auch andere Begriffe sind für dieses Phänomen im Umlauf, so verweist Ronald Hitzler und Anne Honer auf >>Bastelexistenzen< < in einem Beitrag zu einem Sammelband oder auch >>hybride Identitäten< < sind geläufige Ausdrücke. Es liegt also mehr oder weniger in der Verantwortung des Individuums selbst, sich eine Identität zu erschaffen. Dies geschieht zu vorderst im Kosum- und Freizeitverhalten, da hier die größten Wahlmöglichkeiten vorhanden sind. Außerhalb dessen greifen noch Überindividuelle Strukturen wie die allgemeine Schulpflicht oder die familiären Rahmenbedingungen und im Groben der gesamtgesellschaftliche Kontext. Im weiteren Verlauf des Lebens muss permanent gewählt werden, nichts scheint mehr vorgegeben und planbar. Die Erfordernisse der aktuellen Erwerbswelt nach der 3.industriellen Revolution sind geradezu darauf angelegt. Flexibilität und Mobilität sind die Prämissen der Arbeitswelt von heute. Bereits an dieser Stelle wird der Unterschied zur Moderne sichtbar. Das mehr an Freiheit in der Postmoderne wird zugunsten zunehmender Unsicherheiten erkauft. Das Individuum ist gezwungen, mehr Verantwortung sich selbst gegenüber wahrzunehmen.
Nun darf man aber nicht davon ausgehen, dass alle vom gleichen Startplatz aus ins Leben starten. Mehr denn je ist diese Ausgangsposition eine sehr individuelle Angelegenheit und schränkt in ihrem Verlauf die These einer grenzenlosen/ schrankenlosen Individualisierung wieder ein. Damit meine ich, nach wie vor sind die sozialen Vorraussetzungen beim Bildungsweg und späteren Erwerbsleben wesentlich. Wie sind die materiellen und zeitlichen Ressourcen der Familie, gibt es überhaupt eine Familie oder wächst das Individuum bei einem alleinerziehenden Elternteil auf, sind die Eltern Akademiker? Faktoren, die nach neuesten Erkenntnissen sehr bestimmend auf die Entwicklung der Kinder einwirken. Vor allem die materiellen und zeitlichen Ressourcen sind maßgebend für die Individualisierung. Ohne in diesen Bereichen gewappnet zu sein, ist es nahezu unmöglich sich über den Konsum (in den Grenzen des Marktes) zu individualisieren und die Freizeit zu gestalten. Später ist es kaum möglich am Arbeitsmarkt seinen individuellen Anspruch geltend zu machen, da die Lebenserhaltung im Vordergrund steht und praktisch jede Tätigkeit angenommen werden muss. Man sieht, Individualisierung benötigt gewisse Vorraussetzungen. Diese sind seit der Moderne unentwegt geschaffen worden. Wir leben in einem bis dato nicht gekannten Wohlstand und dieser ist durch den Fahrstuhleffekt auch bis in die untersten Schichten vorgedrungen. Soweit zu den Tatsachen der Wirtschaftswunderzeiten in der Moderne, die es erlaubten, einen gut ausgebauten Wohlfahrtsstaat zu schaffen und damit die Vorraussetzung für ein mehr an Freiheit, verbunden mit einem beschleunigten Individualisierungsprozess. Spätestens als der integrative Wohlfahrtsstaat dann erstmals an Grenzen stieß und bei gleichzeitigem Popularitätsgewinn Neo-Liberaler Konzepte, ging die Entwicklung wieder in eine andere Richtung. „Die Lange Zeit große >systemische< Integrationskraft dieses (wohlfahrtsstaatlichen, J.B.) Regulierungsmodells, das zumindest den Westdeutschen eine vergleichsweise >krisenfeste< Wohlstandsgesellschaft bescherte, gerät jedoch spätestens seit 1990 verstärkt unter Druck: Globalisierung und verschärfte ökonomische Konkurrenz scheinen marktbestimmte Ungleichheiten im Kapitalismus erneut anwachsen zu lassen – und es kann nicht nur gefragt werden, ob die damit einhergehenden Tendenzen von Spaltung und Ausgrenzung die Integrationsfähigkeit des >Modells Deutschland< gefährden, sondern auch, ob sich diese Entwicklungen als Wiederkehr der Klassengesellschaft interpretieren lassen.“ Der Bisherige Gipfel dieser Entwicklung ist die von SPD und Grüne in die Wege geleitete Agenda 2010 mitsamt der Hartz- Gesetzgebung. Diese wirkt sich natürlich negativ auf den Prozess der Individualisierung aus. Die hierfür erforderliche (materielle) Sicherheit wird für einen zunehmenden Teil der Gesellschaft nicht mehr gewährleistet. Konsumindividualismus und Individualität durchs Freizeitverhalten kann bei zunehmend prekärer Lage nicht mehr gewährleistet werden. Die Spaltung der Gesellschaft schreitet voran und es ist vielleicht auch die Wiederkehr von klassenähnlichen Phänomenen – auf der einen Seite die Abgehängten, Überflüssigen, die kaum eine Chance haben, je wieder in die Erwerbsgesellschaft integriert zu werden und auf der anderen Seite eine Erwerbsgesellschaft die einem zunehmenden Druck ausgesetzt wird und ständig befürchten muss in das Lager der Überflüssigen deportiert zu werden. Als Überbau ein Staat, der sich aus seiner sozialen Verantwortung weitestgehend zurückgezogen hat und gleichfalls übermächtige Kapitalkonglomerate mit dem Besitz an Produktionsmitteln, der Meinungshoheit und der Absorption sämtlicher Gewinne und Mehrwerte der Erwerbsgesellschaft. Wie gestaltet sich Individualisierung unter solchen Vorraussetzungen? Ist es nicht mehr eine Pluralisierung des Fortschritts, der technischen Entwicklung und des Warenangebotes – und die individuelle Freiheit, sein Leben eigenmächtig zu gestalten ist eher auf dem Rückzug? Wenn zum Beispiel Hartz IV- Betroffenen fundamentale Bürgerrechte wie der freien Wahl des Wohnortes abgesprochen werden, oder Arbeitnehmer gezwungen sind den Wohnort nach Arbeitgebervorgaben zu wählen?

4. Ambivalenzen zwischen Sicherheit und Freiheit, Markt und Individualität

Wie sieht das Phänomen der Individualisierung in unserer postmodernen Welt aus? Pluralismus der Identitäten und damit ein grenzenloser Individualismus, mit welchen Konsequenzen? Ist die vom Grundgesetz vorgeschriebene freie Entfaltung der Persönlichkeit in unserer heutigen Welt in vollem Umfang gewährleistet? Wird diese nicht vielmehr von staatlichen Institutionen und marktgelenkten Kräften geformt? In wieweit wird dieses Recht mit zunehmenden Sicherheitsbestrebungen untergraben? Die Antworten können hier natürlich nur kurz skizziert werden und bedürften letztendlich tiefgründigere Analysen, als das hier möglich wäre, sie sollen uns aber im letzten Abschnitt leiten.
Würde ein vor hundert Jahren lebender Mensch in unsere Welt katapultiert, hätte er gewiss den Eindruck an ungeahnter Pluralität und einer stark individualisierten Gesellschaft. Vormals traditionelle und religiöse Schranken der Lebensführung sind aufgehoben, das Leben zeigt sich in einer oberflächlichen Vielfalt. Aber ist es wirklich so frei und vielfältig? Festzustellen bleibt, wir werden alle in eine Gesellschaft hineingeboren, sind also alle von ihr determiniert. Es gibt gewisse kollektive Größen, derer wir uns nicht erwähren können und die uns somit prägen. Vom gemeinsamen Schulsystem über die kollektive Medienlandschaft bis hin zum kapitalistischen System, dem politischen System und letztendlich dem kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft, der man angehört. Weiter sind wir alle auf dem gleichen Planeten beheimatet und haben fast identische biologische Bedürfnisse, die uns in eine materielle Existenz zwingen. Gerade die ausreichende Stillung der materiellen Bedürfnisse ist Grundvoraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben und dementsprechender Individualisierung. In einem stark ausgebauten Sozial- und Wohlfahrtsstaat, wie es für Deutschland noch bis vor kurzem galt, war diese Voraussetzung größtenteils gegeben. Der globale und nationale Trend ist jedoch die Demontage des selbigen, dies hat fatale Folgen für das Recht auf selbstbestimmtes Leben und den Individualisierungsprozess. Der zunehmende Teil der Menschen mit prekären Lebensbedingungen, dazu gehören Menschen die auf staatliche Zuwendungen angewiesen sind, Billigjobber und dergleichen, ist in einer Lage, in der die elementarsten materiellen Bedürfnisse gerade noch gedeckt werden. Hinzu kommt vor allem bei ALG II- Empfängern und Arbeitslosen ein ungeheurer behördlicher Druck, auch Schikanen sowie eine allgemeine gesellschaftliche Stigmatisierung hinzu. Über das Leben von Migranten an dieser Stelle ganz zu schweigen. Dieses Gros an gesellschaftlichen Mitgliedern ist letztendlich der Möglichkeit beraubt an Individualisierungsprozessen (v.a. im Sinne des Konsumindividualismus) teilzunehmen. Sie erfüllen fast Eigenschaften einer Klasse an sich, d.h. sie leben alle unter ähnlichen prekären Voraussetzungen, sind angewiesen die gleichen, billigsten und notwendigsten Produkte zu konsumieren, haben alle die gleichen Erfahrungen mit Ämtern und Behörden, sind dem gleichen Druck ausgesetzt, einen gleichen sozialen Status und leiden unter der Generalstigmatisierung der (noch) Erwerbsfähigengesellschaft. Selbst die Kinder werden zumeist Generatoren ihrer eigenen Herkunft, gerade in Deutschland wird Armut vererbt, ist die soziale Herkunft entscheidend für den späteren Status der Kinder. Die Entwicklung deutet darauf hin, dass auch die Mitte der Gesellschaft zunehmend davon bedroht ist auf dieses Niveau zu fallen, gerade unter dem Primat der neo-liberalen Ökonomie in der globalisierten Welt, mit der Ironie, dass gerade diese Gruppe für die Stigmatisierung der staatlichen Leistungsempfänger hauptverantwortlich ist. Sie werden auch meist von einer Illusion geleitet, die oftmals für Individualisierung gehalten wird und wohl auch mitverantwortlich für die allgemeine Debatte um zunehmenden Individualismus ist. Die Worte Ulrich Becks bringen dies auf den Punkt.: „Der Individualismus ist als neoliberales Projekt in weiten Bereichen der Gesellschaft fast vollständig absorbiert worden. Es kursiert der Begriff des Selbstunternehmertums, in dem das schon begrifflich miteinander verschmolzen ist. Das eigene Leben wird als Unternehmen entworfen, und man muss sich als Kapitalist dem gegenüber verhalten und alle Bezüge des eigenen Lebens im eigenständigen, vorweglaufenden Gehorsam den Marktbedingungen konform organisieren. Also wird man zum Arbeitgeber seiner selbst. [...] Früher hatte man noch den „Vorteil“, dass der Andere der Unterdrücker war, und man konnte sich dagegen politisch zur Wehr setzen. Jetzt, in der nächsten Stufe des Kapitalismus, lädt der Unternehmer noch den Zwang der Selbstausbeutung und der Selbstunterdrückung auf das Individuum ab, und das muss zu allem Hurra rufen, weil das nun der ganz neue Mensch ist, der hier geboren wird. Ja, das ist deutlich erkennbar, und man kann sogar sagen, dass – und das ist ja dabei auch sichtbar – diese Form des Individualismus hoch funktional ist für die Institutionen und deshalb dieser Trend noch lange nicht zu Ende ist. Die Funktionalität liegt eben darin, dass alle institutionellen Probleme, nicht nur im Bereich der Organisation von Arbeitsprozessen, sondern auch der sozialen Sicherheit, des Wohlfahrtsstaates oder der Umweltprobleme, jetzt auf diesen neuen Zauberlehrling des Selbstunternehmers abgeladen werden können. Der wird zum Mülleimer der ungelösten Fragen aller Institutionen. Und er soll sich sozusagen den Mülleimer, den er darstellt, diese garbage can, zu der man ihn gemacht hat, wiederum in ein schöpferisches Projekt seiner selbst verwandeln. [...] Der Selbstunternehmer agiert in der Illusion, wie Richard Sennet zeigt, seiner grenzenlosen Autonomie. Er lebt in der Vorstellung, dass er ein Herkules sei, ein Mini-global-player, dass er in einem gesellschaftlichen Vakuum existiere. Er hat tatsächlich die Illusion der Monade, der totalen Unabhängigkeit. Er lebt damit – im strengen Sinne – in einem falschen Bewusstsein, weil diese Form des Selbstunternehmers letzten Endes nur das hochartifizielle Produkt einer sehr komplexen Vergesellschaftungsform ist, und er ist einer Radikalität von Abhängigkeiten ausgesetzt, die jetzt nicht allein den Nationalstaat oder die lokale Identität umgreifen, sondern das Weltsystem. Hier haben wir die Paradoxie, dass der Selbstunternehmer als Robinson Crusoe der Weltgesellschaft eine insulare Existenz führt zu einem Zeitpunkt, da er in totaler Abhängigkeit im Dschungel des Weltmarktes globalen Mächten ausgesetzt ist und diese Situation gar nicht mehr als solche erkennt. Das ist also ein hochgradig illusionäres Bewusstsein, übrigens auch hochgradig widersprüchlich, weil der Selbstunternehmer die sozialen Bedingungen seiner Existenz nicht mehr erkennt.“ Diese Erkenntnis offenbart die Ironie an der Sache. Die von der Erwerbsschicht für sich postulierte Individualisierung ist weitestgehend eine Illusion. Die Glorifizierung des destandardisierten Lebenslaufs, die neue Flexibilität und Mobilität der Arbeitswelt kaschiert nur die überwältigende Abhängigkeit von Marktmächten, ohne das diese jedoch klar erkannt werden. Im Grunde ist sowohl der „Prekäre Teil“ der Gesellschaft und der noch „nicht Prekäre Teil“ der Mehrwertschaffenden in einer ähnlichen Situation. Hinzu kommt die neue Ablenkung von der Bewusstwerdung dieser Zusammenhänge. Es kann nur von Vorteil sein, wenn die Beschäftigten in dem von Beck beschriebenen Zustand verweilen und sich selbst das Wasser abgraben und dazu noch „hurra“ rufen.
Die neue Ablenkung ist die veränderte Situation nach dem 11. September 2001. Die terroristischen Anschläge vermutlicher islamistischer Fundamentalisten in New York erschufen ein neues Szenario weltweiter Bedrohung und Ängste. Dieses von allen Mitgliedern der westlichen Welt aufgebaute Angst-Szenario dient hervorragend als Ablenkungsmanöver von den wirklichen Problemen, die eine neo-liberale Weltordnung erschafft. Die Angst vor einem sozialen Abstieg wird nun durch die Angst mangelnder Gewährleistung der körperlichen Unversehrtheit überdeckt. Auch 6 Jahre nach diesen Attentaten herrscht eine wahre Hysterie hinsichtlich einer vermeintlich terroristischen Bedrohung in den Medien. Im Zuge dieser Entwicklung erfolgt zudem der Umbau unseres freiheitlich, bürgerlichen Rechtsstaates hin zu einem präventiven Sicherheitsstaates. Mit den neuen Mitteln dieses Sicherheitsstaates ist es um ein Vielfaches einfacher a) von Problemen abzulenken; b) kritische Stimmen mit Repressionen mundtot zu machen; c) ein allgemeines Klima der Angst zu etablieren. Sollten die Massen an „Prekären“ und „noch nicht Prekären“ Bürgern die Selbsterkenntnis über die Determinanten ihrer Situation sich bewusst werden, sind ihnen mittlerweile die politischen Mittel versagt worden, um ihren Protest und Widerstand zu artikulieren. Dies ist zugegeben eine Überspitzung, aber die Tendenzen laufen eindeutig in diese Richtung.
Nüchtern betrachtet ergibt sich ein Bild, dass die Individualisierungsthese in großen Teilen in Frage stellt. Es ist zwar eine im postmodernen Sinne hohe Pluralität an Lebensformen und Lebensbiographien vorhanden, jedoch muss man hinter die Oberfläche schauen, um festzustellen, dass hier weniger von einem selbstbestimmten freien Leben die Rede ist, sondern vielmehr Marktmechanismen und Konsumgewohnheiten hinter der vermeintlichen Pluralität stecken. Besonders der von mir so bezeichnete Konsumindividualismus ist eine Pseudo-individualisierung. Der Konsument hat vielleicht den subjektiven Eindruck von einem hohen Grad an Individualität und Originalität, in Wirklichkeit ist er jedoch auf den Markt angewiesen, oder bedient sich dessen. Vor allem diejenigen, die es für individuell halten, sämtlichen Modetrends hinterherzuhecheln muss gesagt werden, dass dieses Verhalten alles andere als individuell ist. Der Konsum erfüllt ebenso die Aufgabe der Ablenkung, es ist einfacher, Modetrends zu folgen als sich den Zusammenhängen der gesellschaftlichen Misslage bewusst zu werden. Der kolportierte neoliberale Zeitgeist unterstützt dies natürlich. Es findet ein vermehrtes Konkurrenz- und egozentriertes Denken statt, eher eine Atomisierung der Gesellschaft statt und nur wer dies missversteht spricht hier von Individualisierung.
Außerhalb des Marktes ist es nur sehr schwer, zu existieren und Individualismus im positiven Sinn zu praktizieren, es ist nahezu unmöglich. Am Beispiel der sogenannten Subkulturen kann man sehr deutlich erkenn, wie der Markt funktioniert. Sobald der Versuch unternommen wird aus der Kultur, dem Markt und der Gesellschaft ein wenig auszubrechen, sobald man von so etwas wie einer Subkultur sprechen kann (ich habe hier den Punk vor Augen), ist der „Ausstiegsprozess“ auch fast schon wieder revidiert, und der Markt ergreift das Zepter und eine Kommerzialisierung setzt ein, welche das subkulturelle Bestreben in gelenkte Pfade weist und es zu einem Teil der Hauptkultur macht (mit Nietenarmbändern bei H&M und Irokesenschnitt vom Modefriseur). Wer sich also durch den Konsum individualisieren will, erliegt einer Illusion und sobald der Versuch unternommen wird marktunabhängig zu agieren, schluckt der Markt auch diese Bestrebungen. Das führt natürlich auch zu einem relativ pluralen Markt, mit vielen Möglichkeiten und Angeboten, sein Leben zu gestalten. Durch die vielen Möglichkeiten des Konsums findet so auch eine Zerstückelung der Marktteilnehmer statt, die sich von ihrem Konsum untereinander abgrenzen und dies als Individualisierung feiern. Damit wird der gesellschaftliche Zusammenhalt und die Solidarität der Gruppen mit ähnlichen gesellschaftlichen und sozialen Determinanten, aber unterschiedlichen Konsumpräferenzen, zusätzlich geschwächt. Die Vereinzelung der Menschen und Gruppen lässt die Kritik am Gesamtsystem immer schwächer werden.
Die Hoffnung auf eine Klasse für sich, wie sie einst Marx hegte, ist in unserer Postmoderne relativ hinfällig. Der einzige Weg ist, dass sich die Bewusstwerdung der (individualisierten) Massen über ihre eigene Situation und deren funktionalen Zusammenhänge durchsetzt und so der allgemeine Trend aufgebrochen werden kann, der in das Gegenteil von Freiheit und Selbstbestimmung führt. Dies kann durch Großereignisse (Tschernobyl, Kriege, Klimawandel etc.) oder auch durch die Überdehnung dieses Trends geschehen.

5. Schlussbetrachtungen

Es zeichnet sich ein recht zwiespältiges Bild über die hier angestellten Überlegungen zum Thema Individualisierung in der Postmoderne. Es wäre ebenso falsch den Trend zu einem mehr an Individualisierung zu negieren als auch zu behaupten, diese Ära der Menschheit ist der Gipfel an Individualisierung und selbstbestimmten Leben. Sicher ist, dass wir uns in unserer westlichen Welt auf einen bis dato nicht gekannten Wohlstand stützen können, der dieser Entwicklung hin zu einem selbstbestimmten Leben Vorschub leistet. Der „Modernen“ Vorstellung von einer zu erreichenden Utopie, dem Paradies auf Erden - und zu Lebzeiten muss allerdings zutiefst widersprochen werden, schaut man sich den Werdegang der Menschheit in den letzten Jahrzehnten an. Derzeitige Entwicklungen laufen eher einer Dystopie entgegen, wie sie sich nicht einmal George Orwell ausmalen konnte. Doch ist es eine ganz andere Welt als das sie von Moderne - Denkern gedacht werden konnte. Die Kollektivität ist eine andere, der Moderne - Drang zur Integrität ist entfallen. Die Moderne existiert zwar noch weiter in der Postmoderne und die gedanklichen Konstrukte, die darauf beruhen haben eine ungebremste Attraktivität und werden auch von vielen nach wie vor vertreten, aber sie sind der Realität in unserer Postmoderne noch weiter entrückt. Für das Handeln ist ein humaner Pragmatismus, der vor allem auf die Risiken unserer Welt acht gibt, wohl ein passabler, realistischer Ausweg. Es ist auch nicht auszuschließen, dass die großen Ideen der Moderne nicht alsbald eine Renaissance erleben, wenn zum Beispiel die Bewusstwerdung der Massen einsetzt. Aber selbst wenn sie einsetzt, wird es nicht das Gleiche wie in der Moderne sein, Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen. Es bleibt zu hoffen, dass eine große Zeit der Selbsterkenntnis die Bürger erfasst und sie daraus ihr Handeln ableiten. Tendenzen in diese Richtung gibt es ja schon zu Genüge. Das Internet als unabhängiges Informationsmedium, die neuen sozialen Bewegungen, die Renaissance des lateinamerikanischen Sozial(-demokrat)ismus, Konsumboykotte etc.. Es gibt den Mainstream, der Macht und Meinungshoheit besitzt, aber es gibt auch eine Gegenströmung, oder besser gesagt viele Gegenströmungen. Wenn anstatt einer Atomisierung der Gesellschaft durch Konsum und Konkurrenz, ein Trend zur kritischen Selbstentfaltung und kollektiver Solidarität in Gang gesetzt wird, kann sich das Blatt noch wenden und Horrorszenarien abgewendet werden. Es bleibt die Hoffnung auf Vernunft (ohne dabei die Kritik der reinen Vernunft zu vergessen), im Individuum und auf gesellschaftlicher Ebene. Die Menschen haben Risiken geschaffen, welche die weitere Existenz der Menschheit gefährden, warum sollten die Menschen es nicht auch schaffen diese Risiken wieder abzubauen. Der Atomausstieg ist schon mal ein kleiner Anfang. Auch er hat mit Individualisierung zu tun, genauso wie die grüne Bewegung. Hier zeigt sich deutlich das Aufbrechen der Moderne. Es gibt so gesehen einige Beispiele, die einen optimistischen Blick in die Zukunft erlauben. Ohne den Mut zum Optimismus ist das Individuum ehedem in einer schlechten Position. Die Individualisierung im positiven Sinn, ein Mehr an selbstbestimmten Leben, ist gleichzeitig gepaart mit guter, kritischer Bildung und einem gewissen Maß an Altruismus eine Chance, die inhumanen Trends der Neoliberalen- Weltentwicklung in humane Fahrwässer zu zwingen.

6. Literaturverzeichnis

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Das Menschenbild und der Naturzustand in der Staatstheorie des Thomas Hobbes

Das Menschenbild und der Naturzustand in der Staatstheorie des Thomas Hobbes

Inhaltsverzeichnis
Seiten

1. Einleitung 3

2. Das Menschenbild des Thomas Hobbes 4
2.1. Das Menschenbild im Leviathan 4
2.2. Ein kleiner Exkurs zum historisch-,
biographischen Hintergrund 6

3. Der Naturzustand 9
3.1. Naturrecht und Naturgesetz 10

4. Der Staat 11
4.1. Staatsbildung 12
4.2. Widerstandsrecht im Hobbes’schen Staat 12

5. Hobbes im Spiegel der Zeit 13
5.1. Von den Anfängen der Menschen 13
5.2. Zeichen der Zivilisation 14
5.3. Auf dem Weg zum Frieden 15

6. Zusammenfassung 17

7. Literaturverzeichnis 19

1. Einleitung

Diese Hausarbeit trägt den Titel “ Das Menschenbild und der Naturzustand in der Staat-stheorie des Thomas Hobbes“. Thomas Hobbes Theorie ist von der strikten Anwendung seiner resolutiv – kompositiven Methode, bei der es darum geht streng mathematisch – logisch Sachverhalte voneinander abzuleiten, um dann ganz naturwissenschaftlich-mathematisch durch Operationen aus verschiedenen kleinen Komponenten auf einen größeren, komplexeren Zusammenhang zu schließen, geprägt. Hobbes geht wie bei einem mathematischen Beweis vor, dabei sind die Grundansätze das Wichtigste, ohne sie ist eine logische Weiterführung bis zur Vollendung des Beweises nicht möglich. Nun kann man durchaus behaupten, dass das Menschenbild bei der Hobbes’schen Theorie solch ein fundamentaler Grundansatz ist. Selbst der Naturzustand in der Theorie des Thomas Hobbes ist schon einen Schritt weiter und baut auf das Menschenbild auf. Trotzdem kann man sagen, dass diese beiden Elemente, der Natur-zustand und das Menschenbild die Grundpfeiler der Hobbes’schen Theorie sind. Deshalb ist es meiner Meinung nach auch von besonderer Bedeutung sich mit diesen Themen auseinander zusetzen. Nur mit Hilfe dieser Grundbestandteile ist ein Verständnis der Theorie des Thomas Hobbes möglich.
Eine Zentrale Frage soll dabei sein, wie und warum kommt Hobbes zu diesen Schlüssen. Da-bei wird es unerlässlich sein, zum einen den historischen Kontext zu betrachten in dem Hob-bes gelebt hat und zum anderen aber auch die lebensbiographischen Wendepunkte des Tho-mas Hobbes etwas genauer zu betrachten.
Ferner geht es mir auch darum, zu zeigen, in wie weit seine Annahmen, insbesondere bezüg-lich des Naturzustands und des Menschenbilds, auf unsere heutige Gesellschaft an¬wendbar ist. Es schweben hierzulande Wörter wie „Raubtierkapitalismus“, „Konkurrenzge¬sellschaft“ und “ Präventivkriege“ durch den Äther. Kann man den über 350 Jahre alten Hobbes zur Er-klärung heutiger Phänomene heranziehen?
Um dies zu beantworten ist es erst einmal nötig die Hobbes’sche Theorie darzulegen und zu zeigen inwiefern gewisse Lebensumstände oder auch zeitgeschichtliche Ereignisse Einfluss auf die Werke des Thomas Hobbes hatten.
Der erste Teil dieser Arbeit wird sich mit dem Menschenbild des Thomas Hobbes befassen und es wird versucht, eine Antwort auf die Frage zu finden, weshalb Hobbes den Menschen als Wolf sieht und nicht als fleißige Biene wie etwa bei Aristoteles. Der Blick auf die Histo¬rie soll dabei immer offen gehalten werden. Die logische Weiterführung dieser Betrachtung führt uns dann weiter zum Naturzustand. Wie beschreibt er ihn, was bedeutet er, welche Wege führen heraus? Wie entsteht nach Hobbes der Staat? Am Ende soll versucht werden mit Hilfe der Hobbes’schen Theorie aktuelle Phänomene unserer Neuzeit zu betrachten, vor allem die Aussage, dass Staaten sich untereinander im Naturzustand befänden lohnt zur genaueren Be-trachtung.
Zum größten Teil werde ich mich dabei auf das Hauptwerk Thomas Hobbes, den Leviathan stützen. Seine Werke haben meist die gleichen oder ähnliche Kerngedanken und besonders die Grundelemente Naturzustand und Menschenbild treten in fast unveränderter Form immer wieder auf. Deshalb reicht es meiner Meinung nach im Rahmen dieser Arbeit aus, sich auf dieses Werk zu konzentrieren.

2 .Das Menschenbild des Thomas Hobbes

Ein Misanthrop sei Thomas Hobbes werfen ihm Kritiker entgegen, einfach nur Realist sei er, meinen die ihm Wohlgesonnen, Fakt ist: der Spruch „Homo homini lupus“ – der Wolf ist des Menschen Wolf, stammt aus seiner Feder. Ob er nun ein Menschenhasser war, vermag ich nicht zu sagen, aber auf alle Fälle bestimmt dieses Menschenbild maßgeblich seine Theorie.
Sicherlich ist sein Menschenbild durch den damaligen historischen Kontext geprägt worden und natürlich auch durch seine Lebensbiographie.
Aber nehmen wir uns erst einmal das Menschenbild genauer unter unsere Betrachtungen, bevor wir uns dann die biographischen Hintergründe ansehen.

2.1. Das Menschenbild im Leviathan

Der Leviathan kann hier stellvertretend wie oben schon erwähnt für Hobbes Werke stehen.
Der erste Teil seines, man kann es durchaus so nennen, Hauptwerkes beschäftigt Hobbes sich ausschließlich mit dem Menschen. Der Teil trägt ebendiese Überschrift: Vom Menschen.
Dabei handeln die ersten 9 Kapitel von der naturalistischen Konzeption des Menschen. Die Kapitel haben Namen wie “ Von der Empfindung, Von der Einbildung, Von der Sprache “ oder auch solch interessante wie “ Von den inneren Anfängen der willentlichen Bewegungen, die man gewöhnlich Leidenschaften nennt, und den Ausdrücken, womit sie bezeichnet wer-den“. Erst im Kapitel zehn bezieht Hobbes systematisch zwischenmenschliche Beziehun¬gen mit ein.
Wie sieht es aber nun aus, dies Menschenbild, welches von den Hobbes Gegner so scharf kri-tisiert wird, andere aber für durchaus realistisch halten?
Stellen wir uns vor, ein Menschenkind erblickt das Licht der Welt, es wird frei geboren, jeder Mensch wird frei geboren, alle wachsen sie mehr oder weniger gleich auf. Betrachten wir uns die erste These von der Gleichheit der Menschen. Hierzu schreibt Hobbes
im Leviathan, Kap 13 „Die Natur hat die Menschen hinsichtlich ihrer körperlichen und geistigen Fähigkeiten so gleich geschaffen, dass trotz der Tatsache, dass bisweilen der eine einen offensichtlich stärkeren Körper oder gewandteren Geist als der andere besitzt, der Unterschied zwischen den Menschen alles in allem doch nicht so beträchtlich ist, als dass der eine auf Grund dessen einen Vorteil beanspruchen könnte, den ein anderer nicht ebenso gut für sich verlangen dürfte. Denn was die Körperstärke betrifft, so ist der Schwächste stark genug, den Stärksten zu töten – entweder durch Hinterlist oder durch ein Bündnis mit anderen … Und was die geistige Fähigkeit betrifft, so finde ich, dass die Gleichheit unter den Menschen noch größer ist als bei der Körperstärke…“ Es ist schon interessant mit welchen Beispielen Hobbes seine Gleichheitstheorie untermauert – „..so ist der Schwächste Stark genug, den Stärksten zu töten..“ er nimmt das Grausamste, was sich Menschen gegenseitig antun können und belegt damit seine Theorie, als sei es das natür¬lichste der Welt, sich gegenseitig umzubringen. Obwohl die damaligen Verhältnisse, in denen Hobbes lebte solch eine Vermutung durchaus zulassen, aber dies nur am Rande.
Ein wesentliches Merkmal des Menschenbildes ist die Gleichheit. Wir Menschen sind nach Hobbes also alle relativ gleich, körperlich sowie geistig. Wobei die geistige Fähigkeit des Menschen bei Hobbes durch Konditionierung ausbaufähig ist, “ Denn Klugheit ist nur Erfah¬rung, die alle Menschen, die sich gleich lang mit den gleichen Dingen beschäftigen, glei¬chermaßen erwerben.“(Leviathan, Kap 13) Diese Vorstellung beruht schon fast auf einem mechanischen Bild vom Menschen und ist so wohl nicht haltbar, aber Hobbes sah es so und dies sollte auch der Gegenstand bleiben. Es ist leicht 350, Jahre später Kritik auszuüben denn man hat ja das Wissen von heute. Auf jeden Fall folgt aus dieser Gleichheit auch das gleiche Streben nach elementaren Bedürfnissen, gleiche Vorstellungen, Wünsche, Hoffnungen, gleiche Triebe und vor allem gleiche Chancen, sein Ziel zu erreichen. Vor allem die Triebe, so Hobbes, bestimmen das menschliche Verhalten. „Was auch immer seine Vernunft ersinnt wird hinfällig, sobald sich seine Triebe dagegen stemmen.“(Leviathan, Kap 14). Der Mensch ein triebgesteuertes Wesen. Und genau zwei Triebe, die stärksten, kristallisieren sich nach Hobbes heraus, der stärkste und wichtigste, der Trieb nach Selbsterhaltung und der Trieb nach einem angenehmen Leben. Ein angenehmes Leben erzielt man in erster Linie durch Machtakkumulation. Macht bedeutet die Gewalt über andere zu haben. Macht bedeutet gleichzeitig mehr Sicherheit für Leib und Wohl. Eine Kette weiterer Triebe und Wesenszüge des Menschen folgt daraus. Durch das Machtstreben wird der Mensch habgierig, egoistisch. Ständig strebt er nach Anerkennung, Ehre und Ruhm, schätzt ihn jemand weniger als er sich selbst, so ist derjenige bestrebt durch Exempel sich in das recht Licht zu rücken, sei es auf Kosten anderer. Diese Triebe veranlassen den Menschen nach allem und nach immer mehr zu streben, denn alles kann früher oder später dazu beitragen das eigene Leben zu erhalten, sei es Nahrung, Kleidung, Wertgegenstände, Waffen und dergleichen. Je mehr man besitzt und Macht hat, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit bei einem Angriff zu überleben.
Jetzt kann man sich mit gutem Grund fragen weshalb die Menschen sich so feindselig ver-halten, in ständiger Angst leben müssen angegriffen zu werden. Der Mensch ist des Menschen Wolf, ein Raubtier voller Bosheit, nicht zum Zusammenleben geeignet, Chaos, Anarchie und Furcht bestimmt ihn.
Das wirft natürlich die Frage auf, weshalb Hobbes dieses Menschenbild hat und nicht ein an-deres, warum sieht er den Menschen so schlecht? Da ist es unerlässlich einen Blick auf die Historie die Hobbes umgibt, zu werfen.

2.2. Ein kleiner Exkurs zum historisch-, biografischen Hintergrund

Hobbes kam am 5.4.1588 in Westport bei Malmesbury, England ein wenig zu früh auf die Welt. Die Mutter hat ihn vor Schreck geboren, es ging die Botschaft um, die spanische Ar-mada sei in englische Gewässer eingedrungen. Vielleicht war dies das Schlüsselereignis im jungen Leben des Thomas Hobbes, mit der Furcht vor dem gewaltsamen Tod geboren zu sein. Dieser Lebensweg setzt sich fort, er erlebt im Laufe seines Lebens viele Wirren, sei es der grausame Kampf um die Krone im eigenen Land, der schreckliche Bürgerkrieg, sei es die Immigration nach Frankreich oder der Hass der Intellektuellen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hatte er wohl allen Grund den Menschen so zu beschreiben, wie er es im Leviathan tat.
Schauen wir uns einmal etwas genauer seine Biographie an. Die Eltern waren nicht wohlha-bend, eher ärmlich, der Vater ein wahrscheinlich ungebildeter und trunkener Laienprediger, der die Familie auch noch früh verließ. Dennoch genoss der junge Hobbes eine gute Ausbil-dung, da er nachdem ihn der Vater verlassen hatte, in die Obhut seines wohlhabenden Onkels kam. Schon frühzeitig konnte man eine besondere Begabung bei ihm entdecken. Er war ein Sprachtalent, latein, französisch, griechisch, italienisch und natürlich seine Muttersprache sprach er fließend. Er studierte dann im zarten Alter von 14 Jahren in Magdan Hall, ein heute nicht mehr existenter Arm Oxfords. Es war ein breit gefächertes Studium das alle Wissen-schaften umfasste. So richtig wohl fühlte er sich in dieser Zeit nicht. Es herrschten alte und überkommene Ansichten, die immer noch betriebene Scholastik und das aristotelische Welt-bild-, welches vornehmlich gelehrt wurde, dies stieß Hobbes ab. Trotz Unbehagen in Oxfords Magdan Hall schloss er sein Studium mit Bravour als B.A. ab. Hobbes war wie schon er-wähnt ein Sprachtalent und es bereitete ihm Freude Übersetzungsarbeit zu leisten. Unter an-derem übersetzte er auch Werke von Thukydides, welche sicherlich einen Einfuß auf sein Menschenbild gehabt haben.
Nach dem Studium stellte er sich in den Dienst einer adligen Familie, den Cavendishs. Es war durchaus üblich, dass sich Gelehrte in den Dienst von Adligen zu stellen, viele heut bekannten Größen dieser Zeit verdienten so ihren Lebensunterhalt. Hobbes hatte viele Aufgaben, von der

Erziehung oder besser Unterrichtung des Nachwuchs, Berater des Earls, Finanzbevollmäch-tigter, Übersetzer und Korrespondent und so weiter. Diese Familie wird ihn fast sein ganzes Leben beschäftigen. Als Tutor des Nachwuchses war es ihm möglich, mehrere sogenannte „Grand tours“ mitzumachen. Dabei handelt es sich um eine meist mehrjährige Erlebnis- und Bildungsreise quer durch Europa. Hier hatte Hobbes die Möglichkeit, mit wichtigen Denkern seiner Zeit in Kontakt zu kommen wie kein anderer. Er traf sich mit so bedeutenden Men-schen wie Galilei, Mersenne oder auch Descartes. Aber so schillernd das Leben so eines Be-diensteten einer adligen Familie auch sein kann, so hat es ebenso viele Schattenseiten. Hobbes musste das Ledigendasein fristen, wie so viele seiner Berufsgenossen an adligen Höfen, an Heirat war nicht zu denken. Es ist erstaunlich, in Hobbes Lebensbiographie tritt nie ein weib-liches Geschöpf in Erscheinung, ein weiteres Indiz für seine Verbitterung? Zum Anderen war es eine Vollzeit-Beschäftigung, für Privatsphäre war wenig Raum. Zudem hatte Hobbes den Rang eines Untergebenen, so eine Art Verhältnis zwischen Diener und Herr, auch wenn unter vier Augen zum Beispiel in einem philosophischen Gespräch diese Schranken weitesgehend fielen. Dennoch glaube ich, dass dies bei Hobbes auch immer einen fahlen Bei¬geschmack hatte, denn so richtig frei war er nicht auch wenn er viele Freiheiten besaß.
Um noch einmal auf einige wichtige Punkte zu kommen, Hobbes lebte zu Zeiten des engli-schen Bürgerkriegs. Der große Kampf um die Krone zwischen Royalisten und republikani-schen Kräften. Nachdem nach etlichen politischen Querelen König Karl I. nach ganzen 11 Jahren im November 1640 das sogenannte „lange Parlament“ einberief, war es eigentlich schon viel zu spät, um eine Eskalation zu vermeiden. Hierauf wurde der erste Minister des Königs, der Earl of Strafford durch den „Act of Attainder“ seines Amtes enthoben. Wenig später erfolgte seine Hinrichtung.
Dies war fatal für die Cavendishs, Hobbes Arbeitgeber, denn der Earl of Strafford war ein guter Freund und Gönner der Familie. Nach der Entlassung des ersten Ministers hatten die Cavendishs sogar kurzzeitig überlegt, Hobbes als Kandidaten für das Unterhaus zu nominie-ren, war aber dennoch gespalten, ob der jähe Sturz des Freundes nicht selbst die Familie mit in den Abgrund zieht.
Hobbes gab im Zuge dieser Wirren ein Papier heraus, das Freunde und Verbündete als so eine Art Leitfaden in der politischen Diskussion dienen sollte, den „Elements of Law“
Doch als der Earl of Strafford Anfang 1641 hingerichtet wurde, saß Hobbes bereits auf dem Kontinent im sicheren Pariser Exil. Hier tritt erstmals wieder eine relativ unabhängige Phase in Hobbes Leben ein, was ihm wohl mehr Nach- als Vorteile gebracht hat. Ohne die Caven-dishs war er relativ mittellos und war auf Nebenverdienste angewiesen. Er nahm dann eine Stelle als Mathematiklehrer an und unterrichtete den Prince of Wales, dem zukünftigen
König Englands Karl II., der angeblich über Hobbes gesagt haben soll“…er sei der seltsamste Mensch dem er je begegnet sei..“(Richard Tuck, Hobbes, S.47)
Ein weiterer schwerwigender Wendepunkt in Hobbes doch recht langem Leben, hätte auch ein Endpunkt sein können. Denn im Jahre 1647, in dem er übrigens auch durch sei¬nen im holländischen Elzevier Verlag erschienen Titel „Elemanta Philosophica De Cive“ Berühmtheit erlangte, kam eine grausame Krankheit über ihn herein von der er sich nie mehr vollständig erholen sollte. Selbst die Sterbesakramente wurden ihm schon gereicht. Nur allzu erstaunlich ist es, dass er bereits 1650 wieder anfing zu arbeiten, nämlich an seinem Haupt¬werk, dem Leviathan. Der sich immer noch im Pariser Exil befindende hat durch eine für die damalige Zeit unglaubliche Leistung vollbracht, denn für den Druck war eine Londoner Dru¬ckerei verantwortlich. So wurden dann Teilstücke des Manuskripts nach London geschickt und von dort aus die Korrekturbögen wieder zurück nach Paris. Erstaunlich, dass es trotz aller Wirren funktioniert hat. Wie schon erwähnt, litt Hobbes an einer Krankheit die der parkinson¬schen Krankheit ähnelt, diese beeinträchtigte ihn stark, so dass er nicht mehr in der Lage war eigenständig zu arbeiten, er war auf die Dienste eines Sekretärs angewiesen.
Nachdem sich die blutigen Schlachten im englischen Bürgerkrieg gelegt haben und es wieder
einigermaßen sicher war, kehrte Hobbes aus seinem Pariser Exil zurück in die Heimat, zurück zu den Cavendishs, deren Familie Hobbes schon seit drei Generationen dient.
Bis zu seinem Tode im Jahre 1679 begleitet er diese Familie und stirbt auf deren Anwesen am 4.12. in Hardwick Hall.
Hobbes hatte es geschafft, schon zu Lebzeiten ein gewisses Maß an Berühmtheit zu erlangen. Besonders nach dem Erscheinen seines Hauptwerkes, dem ‚Leviathan‘ brach ein Sturm von Entrüstung über Hobbes hinein. Es gab so gut wie keine Partei die nicht heftigste Kritik an Hobbes übte. Ob Royals oder Parlamentarier- keiner konnte sich so recht mit der Hob-bes’schen Theorie anfreunden. Wie auch? Werden sie ja gerade als Bestien dargestellt, die Königlichen verlieren ihren gottgegebenen Status, sollen sich durch das Volk legitimieren lassen, die Parlamentarier wiederum sahen im ‚Leviathan‘ eine Verherrlichung des Absolutis-mus und der königlichen Allmacht. Aber trotz seiner Schriften und den daraus folgenden An-feindungen lebte er vorwiegend im Frieden, nur einmal musste er fliehen, kam jedoch bald zurück und erreichte für seine Zeit ein biblisches Alter von 91 Jahren.
Vielleicht hilft dieser kurze Exkurs ein wenig, Hobbes zu verstehen, weshalb er lieber einen starken König als ein Parlament sieht, weshalb die Menschen Wölfe sind und so fort. Es ist manchmal schwer nach 350 Jahren die gedanklichen Schritte nachzuvollziehen die in Thomas Hobbes vorgegangen sind, denn Gedanken sind immer auch Produkte der Umwelt und da er Chaos und Anarchie mit eigenen Augen sah, floss dies alles in sein Menschenbild und seiner Theorie ein.

3. Der Naturzustand

Um den Naturzustand bei Thomas Hobbes zu verstehen ist es wichtig vom Menschenbild auszugehen. Man kann sich das ganze modellhaft vorstellen:
Ein begrenztes Areal, begrenzte Ressourcen, zwei Menschen, beide frei geboren, dies sind die Grundvoraussetzungen. Beide sind, wie wir ja bereits wissen, im Prinzip gleich, zumindest wenn der eine schläft kann der andere ihn töten. Nun wandeln diese Personen herum, irgend-wann werden sie aufeinander stoßen und jeweils Anspruch auf ein begehrtes Gut stellen, jeder hat ein Recht darauf, jeder ist frei geboren, durch das Gleichheitsprinzip malt sich auch jeder die gleichen Chancen aus, jeder hat ein Recht auf alles. Es gibt keinen Staat, keine staatliche Gewalt die irgendetwas regeln könnte. Diese beiden wollen beide von ihrem Recht Gebrauch machen aber nur einer kann den Gegenstand besitzen. Was entsteht ist Streit der letztendlich unweigerlich in Krieg und Hass umschlägt. Nun wandeln aber nicht nur eine Hand voll Indi-viduen durch die Umwelt, nein es sind Tausende, Millionen. Alle haben das Recht auf alles, sind mehr oder weniger triebgesteuert. Der stärkste Trieb ist der Trieb nach Selbsterhaltung und da alles früher oder später einmal nützlich sein kann, um sein Leben zu erhalten, sei es Nahrung, Kleidung oder Waffen, Häuser, Land, einfach alles, jeder beansprucht sein Recht auf alles, es kommt unweigerlich zum „Bellum omnium in omnes“ der Krieg aller gegen aller. Es ist ein schrecklicher Zustand, den Hobbes beschreibt:“ In einer solchen Lage ist für Fleiß kein Raum, da man sich seiner Früchte nicht sicher sein kann; und folglich gibt es keinen Ackerbau, keine Schiffahrt, keine Waren, die auf dem Seeweg eingeführt werden können, keine bequemen Gebäude, keine Geräte, um Dinge, deren Fortbewegung viel Kraft erfordert, hin- und herzubewegen, keine Kenntnis von der Erdoberfläche, keine Zeitrech¬nung, keine Künste, keine Literatur, keine gesellschaftlichen Beziehungen, und es herrscht, was das Schlimmste von allem ist, beständige Furcht und Gefahr eines gewalt¬samen Todes – das menschliche Leben ist einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz.“( Leviathan, Kap 13)

Die Triebe bestimmen das menschliche Dasein, der Trieb nach Selbsterhaltung und der nach einem angenehmen Leben. Um ein angenehmes Leben zu führen, ist Macht nötig, Unterge-bene die Befehlen gehorchen, je mehr Macht desto besser. Ein Macht-Wettlauf beginnt, den keiner gewinnen kann, kaum wird ein Gegner ausgeschaltet, muss befürchtet werden selbst aus dem Weg geräumt zu werden. Man kann das Machtstreben auch als eine Art Trieb anse-hen. Und durch dieses Machtstreben entsteht solch ein armseliger Naturzustand, ein Leben voller Furcht, Gewalt und Elend. Das Recht eines jeden auf alles mutiert so zum Recht auf nichts.
Interessant ist auch die Aussage Hobbes, dass sich die Staaten untereinander ebenfalls im Na-turzustand befinden und auch immer befinden werden, später wird dieser Punkt noch aus-führlicher betrachtet.
Aber der Mensch ist wie wir wissen nicht nur Triebgesteuert, nein, in einem lichten Moment erhellt der Verstand die trüben Triebe. Allein aus der Vernunft entspringen Wege, aus dem Naturzustand auszubrechen.
Hobbes unterscheidet in seinen Ausführungen zwischen Naturrecht und Naturgesetz.

3.1. Naturrecht und Naturgesetz

Das Naturrecht und die Naturgesetze bilden zwei weitere wesentliche Bestandteile in der Hobbeschen Theorie, hierbei zieht er eine scharfe Trennlinie zwischen Naturrecht und Natur-gesetz. Nach Hobbes kann zwischen Recht und Gesetz unterschieden werden. Das Recht be-deutet nach Hobbes die Freiheit etwas zu tun oder zu lassen wobei das Gesetz eine Ver-pflichtung darstellt.
Die wechselseitige Übertragung von Rechten werden durch Verträge geregelt.
Das Naturrecht herrscht im Naturzustand, es ist die Freiheit eines jeden zu tun was er für rich-tig hält, mit den oben erwähnten Konsequenzen. Die Naturgesetze hingegen entspringen aus der Vernunft. Das wichtigste von ihnen ist solch ein Gesetz: suche Frieden sobald Hoff¬nung darauf besteht oder auch Kants kategorischen Imperativ: Handle nur nach der Maxime, so dass dein Handeln als gemeingültiges Gesetz erhoben werden könnte oder mit anderen Wor-ten: Was du nicht willst das man dir tue, das tu auch keinem andern an.
Im 14 Kapitel des Leviathan heißt es „Jedermann soll freiwillig, wenn andere ebenfalls dazu bereit sind, auf sein Recht auf alles verzichten, soweit er dies um des Friedens und der Selbstverteidigung willen für notwendig hält, und er soll sich mit soviel Freiheit ge¬genüber anderen zufrieden geben, wie er anderen gegen sich selbst einräumen würde.“
Es folgen noch etliche weitere Naturgesetze, wobei das wichtigste die Beendigung des Natur-zustandes ist.
Nun ist es schön, etliche Naturgesetze zu diktieren, die allein der Vernunft entspringen, was nützt es wenn niemand danach handelt? “ Was immer seine Vernunft ersinnt, wird hinfällig, sobald sich seine Triebe dagegen stemmen“(Leviathan, Kap 14)
Mit diesem Ausspruch macht Hobbes seine eigene Theorie von den Naturgesetzen so gut wie nichtig. Zumindest sind sie im Naturzustand nicht existent. Die Naturgesetze sollen vielmehr eine Anleitung zum richtigen Handeln sein, Vorraussetzung hierfür ist allerdings die Existenz eines Staates und dieser Staat sollte die Gesetzgebung an den Gesetzen der Vernunft ausrich-ten, den Naturgesetzen.
Aber wie kann aus diesem chaotischen Naturzustand ein funktionierender Staat mit mündigen Bürgern entstehen?

4. Der Staat

Führen wir uns noch einmal die Natur des Menschen vor Augen. Die zwei stärksten Triebe sind die nach Selbsterhaltung, also auch die Angst vor einem gewaltsamen Tod und als Zwei-tes das Streben nach einem angenehmen Leben. Da ein angenehmes Leben im Naturzu¬stand nur schlecht möglich ist, wie wir aus dem oberen Zitat auch entnehmen können. Zugleich herrscht auch eine ständige Furcht vor dem gewaltsamen Tod, keine Macht die den Menschen schützen kann. Wie gesagt das menschliche Dasein ist laut Hobbes in solch einem Zustand. kurz, einsam, voller Furcht und ekelhaft. Daraus ergibt sich der Wunsch nach einem Wechsel, nach einer starken Macht, die das Leben schützen kann, nach einem souveränen Staat.

4.1. Staatsbildung

Die Theorie über die Staatsbildung ist bei Hobbes zu seiner Zeit etwas revolutionäres. Nicht durch Gott wird der Staat und die Staatsgewalt begründet, nein, sondern die Bürger selbst begründen den Staat durch einen Staatsvertrag. Wie kann man sich so etwas vorstellen?
Wir haben den Naturzustand, eine gewisse Anzahl von Individuen, ein begrenztes Territo¬rium. Die Menschen sind an dem Punkt angelangt, dass sie sich nichts seligeres wünschen als einen Staat der sie schützt und in dem sie ein angenehmes Leben führen können. Dazu schlie¬ßen sie einen Vertrag untereinander nach dem Motto: ich verzichte auf mein Recht auf alles, wenn du ebenfalls auf dein Recht auf alles verzichtest. Ist dieser Schritt getan wird ein weite¬rer Vertrag, diesmal ein einseitiger mit einer Person oder einer Gruppe von Personen ge¬schlossen mit dem Wortlaut: ich verzichte auf mein Recht auf alles, wenn du mich beschützt und mir den Rahmen eines angenehmen Lebens gibst. Der Souverän hingegen hat kein Recht abgegeben er hat das Recht alles zu tun, was dem Staat von Nutzen sein kann, zum Beispiel auch eine Sondersteuer für eine nahende Bedrohung zu erheben, mit diesem Beispiel spielt Hobbes wohl auf den Konflikt vor dem englischen Bürgerkrieg an, als der König Englands Karl I. eine Sondersteuer für den Ausbau der Flotte wegen der absehbaren Bedrohung aus holländischer Richtung erheben wollte, als es aber im Anschluss daran zu heftigen Auseinan-dersetzungen zwischen dem Parlament und dem König kam, welches letztendlich unter ande-rem in den englischen Bürgerkrieg mündete.
Der Staat- , und das ist ebenfalls revolutionär bei Hobbes, erhält seine Legitimation nicht durch die Kirche, durch Gott, „König von Gottes gnaden“, nein der Staat wird durch die Bür-ger legitimiert, durch die sogenannten Staatsverträge. Aber man kann nicht annehmen, dass alles so reibungslos verläuft, was geschieht mit denjenigen, die nicht auf ihr Recht auf alles verzichten möchten?

4.2. Widerstandsrecht im Hobbes’schen Staat

Diejenigen, die den Staatsvertrag nicht unterzeichnen, befinden sich weiterhin im Naturzu-stand gegenüber denjenigen, die den Vertrag geschlossen haben. Das heißt-
sie stehen außerhalb des Systems, können praktisch von jedem getötet oder sonstwie ge-schändet werden.
Innerhalb des Systems, also all diejenigen die den Vertrag geschlossen haben, gibt es kein Widerstandsrecht. Einzig und allein, wenn das eigene Leben in Gefahr ist, hat der Bürger im Hobbes’schen Staat das Recht sich der Staatsgewalt zu widersetzen. Ansonsten gibt es für die Bürger des Staates kein Widerstandsrecht. Es ist ihnen noch nicht einmal möglich, bei schlechter Führung durch den Souverän oder durch einer Versammlung, diese abzusetzen. hierbei ist anzumerken, dass Hobbes eindeutig den starken Monarchen bevorzugt, weil eine Versammlung kann untereinander gespalten und zerstritten sein, zudem ist es schwieriger, Immunität einer Versammlung zu gewähren, als einer einzigen Person.
Ein Widerstandsrecht gibt es bei Hobbes im Grunde genommen nicht, es ist klar, dass man sich zur Wehr setzt, wenn das eigenes Leben bedroht ist.

Ich will versuchen herauszuarbeiten in wiefern Hobbes mit seinen Aussagen die Realität ge-streift hat, oder was für uns noch aktuell ist.

5. Hobbes im Spiegel der Zeit

Versuchen wir vielleicht als erstes dem Naturzustand auf den Grund zu gehen. In einer wohl nicht sehr ernst gemeinten Aussage ließ Hobbes verkünden, dass einige Völker Amerikas sich in solch einem Naturzustand befänden. Ich nehme nicht an, dass Hobbes je einen echten Indi-aner zu Gesicht bekommen hat, sonst hätte er wohl nicht solch eine Aussage gemacht. Da ich mich selber ein wenig mit der indianischen Kultur beschäftigt habe, kann ich durchaus sagen, dass die Indianische Kultur der Ureinwohner Amerikas alles andere als dem Naturzustand ähnelt. Aber bleiben wir bei dem Naturzustand, wann tritt oder trat er auf? Hobbes meint hierzu „Daraus ergibt sich klar, dass die Menschen während der Zeit, in der sie ohne eine allgemeine, sie alle im Zaum haltende Macht leben, sich in einem Zustand befinden der Krieg genannt wird, und zwar in einem Krieg eines jeden gegen jeden.“
(Leviathan, Kap. 14). Daraus schlussfolgert Hobbes, dass sobald eine Macht fehlt, die die Menschen in Zaum hält, der Naturzustand ausbricht.

5.1. Von den Anfängen der Menschheit

Schaut man sich die Menschheitsgeschichte an und geht zu den Ursprüngen, fernab von jegli-cher Staatsgewalt, fernab von jeglicher Technologie, dort als die Menschen noch in großfa-miliären Gemeinschaften lebten, so müsste nach Hobbes dort das totale Chaos geherrscht ha-ben, der Naturzustand. Dass dies nicht so war wissen wir, meist verlief das Leben in solchen Clans recht friedlich, es gab kein privates Eigentum, nur Gemeingut, es wurde zusammen gearbeitet und natürlich auch gefeiert, ein Bild, das nicht unbedingt zum Naturzustand passt. Jetzt könnte man entgegnen, dass solch ein Clan ja auch nichts anderes ist als ein kleiner Staat, an dessen Spitze ebenfalls ein starker Patriarch steht. Das mag gut sein aber augenfällig ist doch das Bedürfnis der Menschen, in Gruppen zusammenzuleben. Sie sind keine atomi¬sierten Individuen, die nur durch ihre Triebe gesteuert werden. Anders ist allerdings das Ver¬halten der Clans untereinander, hier kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, Plün¬derungen und Krieg. Hier kann man sagen tritt der Naturzustand ein. Es sind praktisch kleine Staaten und nach Hobbes befinden sich die Staaten untereinander ebenfalls im Naturzustand. Allerdings muss beachtet werden, dass es auch hier schon so etwas wie Bündnisse gegeben hat, oft wurde die Friedenspfeife geraucht und es gab Verbündete und Freunde. Diese Koali-tionen waren zum Teil so stark, dass zum Beispiel damals die Germanen sogar in der Lage waren, so übermächtige Imperien wie das Römische Reich zu schlagen, denn die Germanen lebten noch in einer Stammesgesellschaft.

5.2. Zeichen der Zivilisation

Geht man in der Menschheitsgeschichte ein paar Schritte weiter so ist es eine Geschichte von Kriegen. Ganze Gesellschaften beruhten auf dem Expansionsprinzip. Die Römer beispiels-weise waren auf ständige Expansion angewiesen, ihr Wirtschaftssystem basierte auf der Skla-verei, es wurde ein ständiger Nachschub an Sklaven benötigt.
Das Römische Reich erlangte gigantische Ausmaße und als es an die damaligen logistischen Grenzen stieß und eine weitere Ausdehnung nicht mehr möglich war, die damalige Welt er-obert war, kollabierte es. So oder ähnlich erging es vielen Imperien, die Menschheitsge¬schichte stellt sich dar als ein ständiger Kampf. So lange die Menschheit existiert, wird es wahrscheinlich auch Konflikte, gewaltsame Auseinandersetzungen und Krieg geben. Die eu-ropäische Geschichte ist voll davon, ständig gab es Auseinandersetzungen zwischen den Staa-ten.
Der 30 jährige Krieg zum Beispiel, in ganz Europa nur Chaos, Naturzustand wie Hobbes jetzt sagen würde oder die blutige Inquisition, Hexenverbrennungen, Folter, Massentötungen. Phä-nomene die zum Teil heute noch präsent sind. Dort zeigt der Mensch sein wahres Gesicht, die Bestie, der Wolf im Schafspelz. Kann man das so sagen? Gab es nicht auch friedliche Zeiten, schließlich war nicht überall und immerzu Krieg, gab es nicht auch Freundschaften zwischen den Völkern? Man kann sagen, dass nach und nach eine Außenpolitik entstand, Bünd-nispolitik entwickelte sich, Kriegskoalitionen um nur einiges zu nennen. Nach und nach machte sich Europa auf um die Welt zu unterwerfen, Amerika, Afrika und den Rest der Welt.
Das mit am grausamste Menschheitskapitel vom Mittelalter bis zur französische Revolution bietet viele Indizien, dass das Hobbessche Menschheitsbild und die Theorie des Naturzustan-des unter den Staaten zutrifft.
„Jedermann hat sich um Frieden zu bemühen, solange dazu Hoffnung besteht…Suche Frieden und halte ihn ein..“ (Leviathan, Kap. 14)
Dies sollte im Grunde genommen auch für Staaten gelten aber die Geschichte zeigt uns bis zum heutigen Tag, dass dieses wichtigste von Hobbes Grundgesetzen oftmals, zu oft, igno¬riert wird.

5.3. Auf dem Weg zum Frieden

Es gab Kriege, viele Kriege, doch gab es auch Zeiten des Friedens, in der Regel überwiegen die friedlichen Zeiten. Für Hobbes ist bereits dann Krieg, wenn allein mit Angriff gedroht wird und man ständig Furcht vor einer Attacke haben muss.
Diese Bedrohung nahm im Laufe der Zeit zumindest in Europa ab. Bündnisse wurden ge-schlossen, allen voran Bismarck beherrschte die Diplomatie und erstellte ein kompliziertes Bündnissystem, welches Deutschland bis zum ersten Weltkrieg den Frieden sichern sollte. Dann der Weltkrieg, die Welt im Ausnahmezustand oder soll ich besser sagen im Naturzu-stand?
Das hatte die Menschheit bis dahin noch nicht gesehen, Materialschlachten, Flugzeuge, Gift-gas, Artillerie, Panzerverbände die Professionalisierung des Tötens. Aber auch dieser Krieg sollte bereits nach 4 Jahren beendet sein, die Menschen suchen doch nach Frieden. Eine Epo-che des Fortschritts sollte hereinbrechen. Es begann der Anbruch einer neuen Zeit, viele Staa-ten entwarfen demokratische Systeme, selbst in Deutschland, die Weimarer Republik – ein Garant für ewigen Frieden, schön wäre es gewesen. Doch leider bescherte uns ein kleiner Mann ein weiteres Beispiel grenzenloser menschlicher Perversion. In noch größerem Rah¬men, ja man kann sagen, dass mit Hitler die Industrialisierung des Tötens vollständig ein¬setzte. Ein schöneres Beispiel für die Niederträchtigkeit des Menschen hätte Hobbes nicht finden können, dagegen muss doch der englische Bürgerkrieg so gut wie unbedeutend gewe¬sen sein. Aber Hitler war nicht der einzige Verbrecher, Atombomben auf Städte zu werfen ist genauso zu verurteilen. Einstein hat einmal gesagt“ Der Mensch hat die Atombombe erfun¬den, keine Maus würde je auf die Idee kommen eine Mausefalle zu bauen.“
Der zweite Weltkrieg hat die Menschheit in ein tiefes Loch gerissen dessen Folgen bis heute spürbar sind.
Von dem heißen Krieg ging es nicht etwa in eine Zeit voll Frieden und Freiheit über, nein, hier sollte sich ein kalter Kriegszustand manifestieren. Ein bis dato noch nicht gekanntes Wettrüsten der Supermächte begann. Mit den Waffenarsenalen allein der USA ist es möglich die Menschheit gleich mehrmals auszuradieren. Der Ausspruch, der Mensch sei des Men¬schen Wolf erfährt bei solchen Verhältnissen fast schon eine Verharmlosung des Menschen, eine Beleidigung des Wolfs. Zum Glück wissen wir ja alle, dass auch dieser Krieg einmal zu Ende ging, doch die Waffenarsenale blieben bestehen.
Nun jährt sich der 11.September, die Bedrohung durch den Terror und durch ominöse „Schurkenstaaten“ wuchs in den Köpfen und bestimmt das Handeln speziell der Amerikaner. Präsident Bush nahm dies zum Anlass, den Militärhaushalt um satte 43 Milliarden aufzusto-cken. Das ist ein Anstieg von über 10 % binnen eines Jahres, der höchste Anstieg seit Reagan.
Der Militärhaushalt der USA betrug 2002 343,3 Milliarden Dollar im Vergleich dazu betra¬gen die weltweiten Rüstungsausgaben im Jahr 2000 811 Milliarden Dollar.
Für 2003 plant Bush eine weitere Aufstockung, auf eine bis dahin nie gesehene Summe, höher als zu Zeiten des kalten Krieges. Vergleicht man diese Zahlen mit dem Militärbudget des be-völkerungsreichsten Landes, China, der gerade einmal 17 Milliarden Dollar beträgt so ist es erschreckend. Vor allem wirft es die Frage auf, wo wollen die Amerikaner überhaupt hin? Immer mehr Staaten bewaffnen sich mit Atomwaffen, Bush verkündet lauthals die Entwick-lung von neuen Atombomben, die „Mini-Atombomben“, nicht so schlimm wie die großen, falls mal ein Bunker im Weg steht… wo soll das Enden? Es herrscht Krieg, der Naturzustand zwischen den Staaten wie ihn Hobbes beschrieb.
Aber ganz so einfach ist das auch wieder nicht, es gibt genügend Beispiele Hobbes zu wider-legen. Was ist zum Beispiel mit Europa, der EU? Innerhalb der EU herrscht Frieden, Solida-rität, seit neuestem sogar eine gemeinsame Währung. Wie ist das zu erklären? Nach Jahrhun-derten Krieg und Chaos in Europa, wie zuletzt beim zweiten Weltkrieg, nun dieses friedliche Miteinander. Aber vielleicht hilft uns auch hier Hobbes weiter.
Meine Schlussfolgerungen sind, dass die Naturgesetze allgemein gültig sind, demnach kann man sie auch auf Staaten anwenden. Suche Frieden solang nur Hoffnung danach besteht, frei nach Hobbes, so das wichtigste. Nun kann man aber nicht einen Staat gleichsetzen mit einer Person. Bei der einzelnen Person treten die Triebe natürlich stärker hervor als bei einem Staat. Der Staat ist ein Geflecht aus einer Vielzahl von Menschen, viele tragen zur Meinungsbildung und Handlung bei, auch wenn der Staat wie nach Hobbes Wunsch ein absoluter sei, so ist der Monarch auch auf seine Gefolgsleute angewiesen. Es werden Hierarchien und Bürokratie für ein Funktionieren des Staates benötigt und in diesem Staatsapparat kommen die Triebe, die den Menschen nach Hobbes hauptsächlich steuern, nicht so sehr zum Ausdruck.
Die Logik und die Vernunft überwiegen im Staat. Hier wird nicht oder zumindest weniger affektuell und impulsiv gehandelt, was meist auch gar nicht möglich ist, nein hier wird strate-gisch geplant und meist auch gehandelt. Länder sind meist auch auf andere angewiesen, wirt-schaftlich oder militärisch.
Dies gilt im besonderem Maße für Europa, hier sind besonders nach dem zweiten Weltkrieg enge Freundschaften entstanden und aus wirtschaftlicher Zusammenarbeit gesellte sich schon bald die politische und auch militärische.
Schaut man auf Europa könnte man fast meinen es wäre ein Staat, gleiche Währung, keine Grenzen, Friede, Freundschaft und dies nach Jahrhunderten voll von Krieg und Elend. Man könnte sagen die Naturgesetze haben gegriffen, letztendlich wäre die logische Konsequenz daraus, dass sich nach und nach immer mehr Staaten zusammenschließen, das Kriegsbeil be-graben und sich Unionen bilden. In Afrika hat sich jüngst solch eine Union gegründet, in Asien gibt es auch so eine Art Wirtschaftsunion. Irgendwann werden diese Unionen um die letzten Ressourcen kämpfen und danach die alles umspannende Weltunion, der Kapitalismus könnte endlich zu Grabe getragen werden und alle Menschen würden sich an die Hände fas-sen und glücklich sein. So oder ähnlich müsste man weiterdenken.
Aber hinter allem stehen Menschen, Menschen mit ihren Schwächen und Fehlern, die an den Tag gelegte Vernunft soll nur den wahren Charakter verdecken, die Bestie, die in jedem von uns steckt. Aber man soll die Hoffnung nie aufgeben, dass es eines Tages besser wird.

6. Zusammenfassung

Nun kann man über Hobbes so vieles denken, ihn kritisieren, bemängeln und seine Verach¬tung ihm gegenüber bekunden, aber es soll ja sogar Hobbesianer geben, die ihn verehren. Für mich ist Hobbes schon eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Er war einer der ersten Philo¬sophen, der versucht hat mit naturwissenschaftlichen Methoden zur Erkenntnis zu gelangen. Dabei ist ein Lebenswerk entstanden, welches erst nach seinem Tod hinreichend gewürdigt wurde.
Unmittelbarer Bestandteil und Kernelement seiner Theorie ist das, hier im Ansatz
behandelte, Menschenbild und der daraus resultierende Naturzustand.
Bis heute lohnt es, sich mit seiner Theorie auseinander zusetzen, ganz zu schweigen was sein Werk in den Köpfen der Menschen bewirkt hat, wo wäre die Politikwissenschaft heute ohne solche Leute wie Hobbes?
Durch seine Methoden wurde die Wissenschaft geprägt, er verstand es die Komplexität des Gegenstandes in einfache Formeln zu bringen, er benutzte Modelle, abstrahierte und verein-fachte. Doch bei diesem Modelldenken bleibt die Realität auf der Strecke, ähnlich wie das Bohr’sche Atommodell die Grundidee der chemischen Reaktion anschaulich darstellt, aber nicht die Komplexität einer realen Reaktion wiedergeben kann, ist es beim Hobbeschen Mo-dell der gleiche Fall. In der Gesellschaft wirken soziale Beziehungen, Moral, Religion, famili-äre Bündnisse, Verpflichtungen, Liebe und Freundschaft. Trotzdem ist sein Modell herausra-gend und in seiner Art einmalig.
Und wie man hoffentlich erkennen konnte, ist es sogar möglich, heutige Erscheinungen mit dem Hobbes’schen Denkmodel zu vergleichen oder gar zu erklären. Sicher wird das nicht ganz die volle Wahrheit widerspiegeln aber es ist zumindest interessant. Schließlich liegt das Leben des Thomas Hobbes gute 350 Jahr hinter uns. Es ist ein Leichtes, 350 Jahre später zu sagen hier und dort liegt er falsch, schließlich steht uns 350 Jahre mehr Wissen zur Verfü¬gung.
Wichtig war es mir auch zu zeigen, wer überhaupt Hobbes war und in welcher Zeit er gelebt hat. Ein Kind, das im Frieden aufwächst wird kaum die Bestie im Menschen sehen, ein Kind des Krieges schon. Nun ist die Frage, ob das Menschenbild nicht wandlungsfähig ist oder besser gesagt die Natur des Menschen. Weit über 1000 Jahre vor Hobbes lebte Aristoteles, der nun wiederum ein ganz anderes Menschenbild hatte. Der Mensch sei ein „zoon politikum“, ein Wesen, das nach Gemeinschaft strebt, ein staatenbildendes Wesen wie Ameisen oder Bie¬nen. Ich glaube, man muss nach der wahren Natur des Menschen in der Mitte von beiden su¬chen. Gibt es überhaupt so etwas wie die Natur des Menschen? Sind wir nicht alle Individua¬listen, jeder anders, der eine aggressiv, der nächste passiv? Schwierig sehr schwierig, dennoch gibt es so etwas wie ein Kollektivbewusstsein, einen kleinsten gemeinsamen Nenner und ich glaube auch, dass dieser nicht statisch ist, sich in einem ständigen Wandel befindet, von Ge¬neration zu Generation unterschiedlich ist. Und gerade dies macht die Sache so unglaublich schwierig und auch leicht falsifizierbar. Dennoch tat Hobbes das Richtige und beeinflusste Generationen von Denkern. Sobald man sich mit Staatstheorien etwas genauer beschäftigt, führt kein Weg an Hobbes vorbei.
Mit diesen Worten möchte ich schließen und hoffe, dass Hobbes mit seinem Menschenbild doch etwas falsch lag und wir uns nicht gegenseitig vernichten, Europa könnte ein Vorbild für eine friedliche Welt sein.

7. Literaturverzeichnis

Richard Tuck, Hobbes, Herder Verlag 1999

Thomas Hobbes, Leviathan – Herausgegeben und eingeleitet von Iring Fetscher, Suhrkamp 4. Auflage 1991

Ferdinand Tönnies, Thomas Hobbes – Leben und Lehre, Friedrich Frommann Verlag 3. Auf-lage

A.P. Martinic, Thomas Hobbes, Macmillian Press LTD, London 1997

Lips,J., Die Stellung des Thomas Hobbes zu den politischen Parteien der großen englischen Revolution, Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1927

www.philosophen-Lexikon.de

www.philolex.de

www.members.surfen.at/patrickhorvath/hobbes.htm

7. Kolumbien und Afghanistan als Beispiele der Durchsetzung internationaler Drogenpolitik

Anhand von Kolumbien und Afghanistan soll hier gezeigt werden, wie sich Drogen instrumentalisieren lassen, um Politik zu betreiben und zu welchen Auswirkungen es dabei kommt. Dabei unterscheiden sich die Länder erheblich. In beiden Fällen jedoch führt die Drogenproblematik zu desaströsen Folgeerscheinungen für Mensch und Natur. Die enge Verknüpfung von Krieg und Drogen kommt in diesen Staaten besonders dramatisch zum Ausdruck. Worte wie „Narcoterrorism“ haben hier ihren Ursprung. Die Lage wurde durch den 11.September 2001 noch zusätzlich verschärft und unterdrückte jede aufkommende Kritik an der interventionistischen Drogenpolitik. Der 11.September lieferte die Legitimation für ausufernde Militanz und ein noch härteres interventionistisches Vorgehen.

7.1. Kolumbien und der Plan Colombia

Der Kokastrauch wird in Südamerika schon seit jeher kulturell und spirituell verehrt, ebenso ist er wichtiger Bestandteil der Volksmedizin. Die Conquistadoren nutzten die energiesteigernden, Hunger unterdrückenden und ausdauernden Eigenschaften hervorrufende Kraft der Pflanze für die indigenen Sklavenarbeiter in den Gold- und Silberminen Südamerikas. Erst als die Synthese des Kokains gelang, geriet der Strauch in Verruf. Mehrere „Kokainwellen“ sorgten für einen großen Markt in den westlichen Industrieländern.
Aber erst mit dem, von Nixon ausgerufenen, „war on drugs“ begann die ökologische Katastrophe in Südamerika. Drogenpolitik entwickelte sich zum probaten Mittel der Außenpolitik. Militäreinsätze und Sprühaktionen sowie ein verschärftes innenpolitisches Klima in den Anbaustaaten waren und sind die Folgen. Am Beispiel Kolumbien soll hier kurz skizziert werden, wie die politischen Mechanismen wirkten, die zu der ökologischen Katastrophe führten.
Kolumbien wurde in den 60er Jahren zuerst durch Marihuanaexporte in die USA auffällig. Mexikaner, denen es im eigenen Land zu gefährlich wurde, organisierten den Cannabishandel im großen Stil. Bis zu 70% des US-amerikanischen Marihuanamarktes in den 70`er Jahren wurde durch Kolumbien beliefert. Dies wurde auch in der US-Regierung bemerkt, welche sich gerade stark für ihren Anti-Drogen Krieg rüsteten. Der Kolumbianische Präsident Turbay Ayala drängte sich, um eigenen Vorwürfen der Verstrickung im Drogengeschäft aus dem Weg zu gehen, auf die Seite der USA. So fanden unter Ayala weite innenpolitische Reformen bezüglich der Ausweitung der Militärmacht und die Etablierung von US- finanzierten „Sonder Polizeieinheiten“ statt. Die ersten, wohl umstrittenen, Militäreinsätze gegen Drogenproduzenten fanden statt. Die Sonderhilfen, Militärhilfen und Entwicklungsgelder der Vereinigten Staaten flossen in einem immer größeren Umfang. Es wurde von der Regierung Ayala erhofft, durch die bilaterale Kooperation den USA auf gleicher Augenhöhe zu begegnen. Dieser Wunsch wurde trotz Auslieferungsabkommen 1979 und weiteren Zugeständnissen nie erreicht. Was blieb, war eine immer größere Abhängigkeit von den USA, das weitere Erstarken des Militärs und bürgerkriegsähnliche Zustände. Die Situation verbesserte sich nicht. Militäreinsätze sind alltäglich geworden. Eine kurzweilige Wende trat mit dem Amtsnachfolger Ayalas, Betancur (1982-1986) ein. Er wollte einen eigenständigen Kurs, auch in der Drogenpolitik. So missachtete er das Auslieferungsgebot und „Trotz des Druckes der USA, eine Zustimmung zur Besprühung von Marihuanafeldern aus der Luft mit dem Pflanzengift „Paraquat“ zu erreichen, weigerte sich Betancur aus ökologischen Gründen standhaft.“ Dennoch lief die eingeschlagene Richtung von Ayala weiter, wenn auch etwas abgeschwächt und mit dem Additiv der Prävention versehen. Dies sollte sich jedoch schlagartig mit der Ermordung des damaligen Justizministers ändern und Betancur stimmte sogar der Besprühung von Marihuanapflanzungen in der Sierra Nevada und Santa Marta zu. In der gleichen Zeit, in der die Kolumbianische Regierung in eine immer größere Abhängigkeit gegenüber den USA gerieten, expandierte das Drogengeschäft. Neben Marihuana belieferte Kolumbien in den 80er Jahren 70% des Kokainmarktes und expandierte ebenfalls im Mohnanbau. Eine gigantische Parallelwirtschaft mit Verflechtungen in höchste Politik- und Gesellschaftskreise entstand und das Land wurde in weiten Teilen unregierbar.
Ein Zustand, der sich bis heute nicht gebessert hat, im Gegenteil. „Derweil erhöhten die USA ihren Etat 2002 für ein Sonderprogramm zur Vernichtung der Kokaplantagen in Kolumbien auf 1,3 Milliarden US Dollar. Rund 120.000 Hektar werden mit dem Herbizid Glyphosphat gegen Mohn- und Kokapflanzen besprüht. Seit dem Beginn dieser Aktion meldeten sich über 1000 Verletzte aus der behandelten Region. Der Herbizidmantel hatte sich auch über Kornfelder und Gärten gelegt.“ 1996 gingen bereits 240.000 Menschen gegen die Sprühaktionen auf die Straße und machten ihrem Unmut Luft.
Die Kolumbianische Regierung steht unter ständigen Druck der USA. DEA Agenten durchziehen das Land und US Mittel fließen in die Sicherheitsinfrastruktur. Sollte die kolumbianische Regierung nicht ihrem Auftrag in der Drogenbekämpfung nachkommen, so machte die US Regierung schon oft unmissverständlich klar, dass sie vor der Souveränität Kolumbiens keinen Halt machen würde.
Das Verhältnis zwischen Staat und Drogenwirtschaft ist nach wie vor ambivalent. Hauptdevisenquelle und Motor des Finanzsystems auf der einen Seite und die Bedienung der US Interessen im Kampf gegen die Drogenwirtschaft auf der anderen Seite. Genauso widersprüchlich sind die US-Interessen. Die Geheimdienste fungieren zum Teil auf beiden Seiten und sind in erster Linie Werkzeuge der US-Außenpolitik. Die vermeintliche Bekämpfung von Drogen wird gerne dazu genutzt, rechtsstaatliche Souveränitäten zu beschneiden. Kolumbien kann hier als exemplarisches Beispiel für Südamerika dienen, der Kontinent auf dem der „war on drugs“ am heftigsten tobt.

Bürgerkriegsähnliche Zustände und schwindender Einfluss der Zentralregierung in immer größeren Teilen des Landes veranlassten den Präsidenten Pastrana Ende der 90er Jahre zu der Entwicklung des Plan Colombia. Das Land ist zwischen mehreren Interessengruppen gespalten. Eine entscheidende Gruppe sind die revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, eine der ältesten Guerillabewegungen Kolumbiens, die FARC. Sie haben weite Teile des Landes unter ihrer Kontrolle und damit das größte Kokaanbaugebiet der Welt. Die FARC wird zum einen durch die regulären Streitkräfte Kolumbiens bekämpft sowie durch die rechten Paramilitärs. Neben der FARC ist die Nationale Befreiungsarmee ELN, eine kleinere linksgerichtete Guerillabewegung von Bedeutung. Die Konflikte zwischen Streitkräften, FARC, ELN und den Paramilitärs werden auf dem Rücken der Zivilbevölkerung getragen. Massaker, Entführungen und das Fehlen von Rechtstaatlichkeit schüren die allgegenwärtigen Unsicherheiten in der Bevölkerung. Um diesen Zustand zu beenden und für Besserung zu sorgen sind Friedensgespräche mit allen Beteiligten vonnöten, die auch teilweise in den Anfängen stattfanden. Die Lösung der Konflikte sollte im Plan Colombia erreicht werden. Um die nötigen Finanzressourcen für die Umsetzung der Ziele wie Wiedereingliederung von Guerillas und Paramilitärs in die soziale Gesellschaft, Substitutionsprogramme für Bauern und Aufbau staatlicher Institutionen aufzubringen, mussten internationale Geber gefunden werden. Die USA betrachten Kolumbien als Teil ihrer Interessensphäre und knüpfen an die Finanzierung eigene Bedingungen. Da sich die kolumbianischen Konfliktparteien durch Drogengeschäfte finanzieren, wurde aus dem Friedensplan ein Drogenkriegsplan, der auf die Vernichtung der subversiven Kräfte hinauslaufen soll. Es ist die Angst vor dem Erstarken der Linken, mit den rechten Paramilitärs haben die USA weniger Berührungsängste. War unter Kennedy in den 60er Jahren die Bekämpfung des Kommunismus der Vorwand für eine interventionistische Politik in Kolumbien, ist es unter Clinton und George W. Bush die Bekämpfung der Drogen. Dabei gelten die Bekämpfung der Drogen nur als Vorwand, die Militärpräsenz zu erhöhen und den Einfluss auf Lateinamerika mit den Ressourcen wie Öl und Gas zu vergrößern und zu manifestieren. So wurde etliches Kriegsgerät in das Land geschafft, von Helikoptern bis Nahkampfausrüstungen. Söldner privater Sicherheitsfirmen, Ausbilder, Militärberater und Unmengen an Chemikalien für die chemische Kriegsführung gelangten nach Kolumbien.
Die Folgen des militarisierten Plans haben verheerende Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung. “Die bekannteste kolumbianische Menschenrechtsorganisation schätzt die Zahl der gewaltsam Vertriebenen auf 2,7 Millionen, wobei jeden Tag 1000 weitere dazukommen. In den ersten neuen Monaten des Jahres 2002 sollen 350 000 Personen, mehr als im gesamten Vorjahr, mit Gewalt aus ihren Wohnstätten vertrieben worden sein. Die Zahl der politischen Morde ist auf zwanzig pro Tag gestiegen, während es 1998 noch zehn waren.“
Jüngsten Berichten zu folge wird die durch den Plan Columbia erzielte Reduzierung der Kokaanbauflächen durch die Ausweitung des Kokaanbaus in Peru und Bolivien wieder kompensiert. Dadurch kommt es nur zu einer Verlagerung sowie Ausbreitung des Problems und der ökologischen Folgen.
Zusammen fassend kann hier noch einmal Noam Chomsky zitiert werden. „Zu den Verstößen gegen die Menschenrechte in Kolumbien gehört die Vertreibung der Bevölkerung durch chemische Kriegsführung, die unter dem Vorwand einer – allerdings kaum ernstzunehmenden – Anti-Drogen-Kampagne stattfindet. Ein führender akademischer Spezialist bemerkt dazu: >>Provozierend ließe sich feststellen, daß die amerikanische Drogenpolitik zur Kontrolle einer ethnisch und ökonomisch diskriminierten Unterschicht im eigenen Land beiträgt und im Ausland den Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen der USA dient.<< … Und nachdem die Menschen vertrieben wurden, können multinationale Konzerne die Berge zwecks Kohleförderung abholzen, nach Öl und anderen Bodenschätzen bohren und das, was an Länderein übrigbleibt, den Reichen übergeben, die dort ihre Ranchen bauen, oder Agroexportfirmen, die eine artenreiche Umwelt in Monokulturen verwandeln.“
Ein Ende der Militarisierung des Konflikts ist nicht abzusehen. „Obwohl der „Plan Colombia“ Ende des Jahres auslaufe, werde Washington die Militärstrategie der kolumbianischen Staatsführung weiter fördern. Seit 2000 haben die USA mehr als zwei Milliarden Dollar für Kolumbien bereitgestellt.“

Auch die Europäer sollten einen Beitrag zur Finanzierung des Plans leisten. Die Vorstellungen der Europäer wichen von denen der USA ab. Man wollte einer zunehmenden Militarisierung und Schürung des Konflikts nicht beistehen und legte den Schwerpunkt auf soziales Engagement. Doch anstatt eine eigene Kolumbianische Entwicklungspolitik zu entwerfen, zog man sich auf Teile des Plan Colombias zurück. Von Drogenbekämpfung und Militäraktionen nahm man in Europa Abstand, unterstützte aber dennoch finanziell den Plan und somit ist Europa auch in allen Teilen mit involviert.
Der ohnehin schon große Einfluss der USA wird dadurch noch vergrößert. Eine zunehmende Militarisierung des Konflikts ist die Folge. Die Bekämpfung der Drogen erfolgt durch den massiven Einsatz von Herbiziden. Es ist nicht genau abzuschätzen wie viel Tausende Tonnen giftiger Substanzen seit dem Beginn der Sprühaktionen seit den 70er Jahren ausgebracht wurden. Es wird berichtet, „dass im Zeitraum von 1992 bis 1998 2,5 Millionen Liter des giftigen Totalherbizids Glifosat von Flugzeugen versprüht worden“ Dabei fanden diverse Gifte Anwendung, von Agent Orange Abkömmlingen bis hin zu Glyphosphat. Dass diesen Giften nicht nur Drogenfelder zum Opfer fielen, sondern auch landwirtschaftliche Nutzflächen für den Subsistensanbau und Kleinvieh, ist erwiesen. Es wurde sogar berichtet, dass vom Kokaanbau auf Nutzpflanzen umgestellte kleinbäuerliche Strukturen zwischen denen es noch einige Kokapflanzungen gab, ebenfalls besprüht worden. Der Keim zur Umstellung auf legale Produktion also bereits im Keim erstickt wurde. Nach dem Ausbringen der Gifte ist der Boden auf Jahre verseucht und nicht mehr nutzbar.

Neben der chemischen Kriegsführung wird immer wieder der Einsatz von biologischen Mitteln zur Ausrottung von Drogenplantagen in Erwägung gezogen. Dabei sollen Pilze wie Fusarium Oxysporum unter dem Decknamen „Agent green“ gezielt Kokafelder und Mohnpflanzungen befallen. Dazu werden die Pilze genetisch verändert. Die weitläufigen Gefahren sind bei solchen Maßnahmen nicht abzuschätzen. Es ist nicht auszuschließen, dass der Pilz auch andere Pflanzen und Kulturpflanzen wie Gemüse, Getreide oder Obst befällt. Die klimatischen Bedingungen im Amazonasgebiet können zu einer unkontrollierten Vermehrung und Mutation des Pilzes führen. Die Sporen sind auch nach Jahren noch aktiv. Zudem ist die Entwicklung solcher biologischen Kampfstoffe laut internationalen Abkommen zur Ächtung biologischer Kriegsführung verboten.
Besonders die Überlegungen, einen Pilz als Waffe einzusetzen und die Zerstörungen der chemischen Kriegsführung rufen Widerstand und Kritik auf den Plan. Umweltorganisationen und NGOs (Nicht- Regierungs- Organisationen) setzen auf nationaler und internationaler Ebene Protest entgegen.

7.2. Afghanistan

Afghanistan gehört zu den traditionellen Drogenanbauregionen. Haschisch und Opiumproduktion weisen eine lange Kultur auf. Die Produktion nahm jedoch vom Ausmaß her kaum eine internationale Bedeutung an. Der Handel beschränkte sich meist auf das eigene Land und die Anrainerstaaten.
Spätestens seit dem sowjetischen Besatzungsversuch in Afghanistan entwickelte sich das Land zu einem der größten Drogenproduzenten und geriet in das internationale Visier der Großmächte, zu einem Austragungsort des kalten Krieges. Zur Finanzierung des Widerstandskampfes der Mudschahedin gegen die Sowjets wurde im großen Stil Opium produziert, mit der Billigung der USA. Vor allem im Grenzgebiet zu Pakistan erstreckten sich die Mohnanbauflächen. Das dort geerntete Opium wurde über die Grenze zu Pakistan geschmuggelt und dann in dort ansässigen Heroinlaboren weiterverarbeitet. Ähnlich wie in Thailand und dem goldenen Dreieck verseuchen die Heroinlabore die Umgebung mit toxischen Abfällen. „So waren bis 1981/82 die afghanischen Mohnfelder mit den Labors an der pakistanischen Grenze verbunden, wo hochreines Heroin hergestellt wurde, das über die Hälfte der Nachfrage in den USA und Europa befriedigte.“ Die Opiatproduktion wurde eine Konstante zur Finanzierung des Kampfes gegen die Sowjets. Mit dem Abzug der Sowjets erlangte der Opiumanbau einen weiteren Boom. Die neuen Machthaber, Warlords und später die Taliban, nutzten das lukrative Geschäft als wichtige Deviseneinnahme für den Staatshaushalt. Das Opiumgeschäft ist neben den Entwicklungshilfen fast die einzige Einnahmequelle des Landes.
Die Taliban sind mit Hilfe der Unterstützung der USA im Kampf gegen die Sowjets an die Macht gekommen. Erst wenige Jahre vor dem Sturz der Taliban, gab die Talibanführung bekannt, den Mohnanbau einzustellen. Über den Anlass hierfür lässt sich auf Grund des anschließenden schnellen Abgang des Regimes nur spekulieren, der Preisverfall von Opium und die Aufwertung der Lagerbestände könnte ebenso eine Rolle gespielt haben wie eine noch weiter verstärkte religiöse Besinnung auf fundamentale islamische Werte. So konnte der Opiumanbau vor der Zerschlagung der Taliban beachtlich reduziert werden. Der Norden jedoch stand unter der Kontrolle der Nordallianz und setzte zur Finanzierung des Kampfes gegen die Taliban weiterhin auf die Opiumproduktion. So ist es kein Wunder, dass nach dem Sieg über die Taliban durch die NATO, der Mohnanbau wieder Rekordwerte erreicht. Der Krieg war vorbei, doch der Frieden stand und steht vor großen Herausforderungen.
Nach der Niederschlagung der Taliban sind Bundeswehrsoldaten in Afghanistan stationiert, um die Stabilisierung in Kabul zu sichern. „Unterdessen wird nur noch in vier von 32 Provinzen Afghanistans kein Mohn angebaut. Rund 1,7 Millionen Menschen leben von der Opiumproduktion.“ Das Mandat der Bundesregierung schließt jedoch die Teilnahme am „War on Drugs“ ausdrücklich aus. So müssen die deutschen Soldaten zusehen, wie die Warlords durch den Drogenhandel Mittel für ihre Kriegskassen sammeln. Dadurch wird die Macht der Zentralregierung in Kabul jedoch schwächer. Ihr zwar gesetzlich formuliertes Drogenverbot lässt sich im weiten Land nicht durchsetzen. „Es gibt ein greifbares Risiko, dass Afghanistan als Staat wieder scheitert und dieses Mal in die Hände von Drogenkartellen und Rauschgift-Terroristen fällt“ .
Was bedeutet es für die Ökologie, wenn die gesamte Wirtschaft auf der Kultivierung von Mohn basiert? Die Artenvielfalt wird eingeschränkt, Probleme der Monokultivierung treten auf. „Durch die Verzwanzigfachung [des Opiumanbaus] in den beiden Kriegsdekaden wurde aus der diversifizierten afghanischen Landwirtschaft – Viehhaltung, Obstplantagen und 62 verschiedene Feldfrüchte – die erste Opiummonokultur der Welt und der Drogenhandel zum bestimmenden ökonomischen Faktor.“ Die Illegalität der Drogenwirtschaft macht sie angreifbar, die erwirtschafteten Gelder werden in den Ausbau von Macht und Einfluß der regionalen Kriegsherren gesteckt, was zu einer Schwächung der Zentralregierung führt. Wichtige Entwicklungsprogramme für den Aufbau einer nachhaltigen Wirtschaft können mit diesem Hintergrund nicht realisiert werden. Der Bürgerkriegsähnliche Zustand wird kultiviert, was jede umweltpolitische Diskussion oder Maßnahme im Keim erstickt. Es wird raubbauartige Landwirtschaft betrieben und primitive Heroinlabore verseuchen die Natur. Um die riesigen Mengen an Opium zu verarbeiten, sind Hunderte von Laboren aktiv. Schätzungen zu Folge existieren in Afghanistan und an der pakistanischen Grenze 200-300 Labore. Die häufige örtliche Verlagerung dieser Labore dehnt die Verseuchungsflächen weit aus.
Die Abhängigkeit der Bevölkerung vom Mohnanbau wurde gefördert, indem durch den andauernden Krieg traditionelle ökologische Systeme zerstört wurden. Durch die zerstörerische Kraft der modernen Kriegsgeräte fielen Obstgärten den Angriffen der Sowjets und jüngst der NATO zum Opfer. Über Jahrhunderte kultivierte Maulbeerbäume und Walnussbäume hatten einen hohen Anteil an der Lebensgrundlage, vor allem der Bevölkerung im Dürre anfälligen Nordosten Afghanistans. Dieses fragile Ökosystem wurde bewusst zerstört, durch Krieg und Talibanmilizen, die nachweislich 1999 im „..Tadschikengebiet in der Shamali-Ebene nördlich von Kabul die Maulbeer- und Walnussbäume fällten.“ Somit wird der Bevölkerung die Lebensgrundlage entzogen und sie wird in die Abhängigkeit der Opiumwirtschaft getrieben. Diese wiederum wirkt stabilen Verhältnissen entgegen und manifestiert sich somit automatisch, da es nahezu alternativlos bleibt, Mohn anzubauen.
Die NATO-Staaten werden sich eine Strategie einfallen lassen müssen, um zu verhindern, dass Afghanistan nicht völlig in Anarchie versinkt und Brutstätte von Terroristen wird und natürlich der Flut afghanischen Heroins auf die europäischen und Nordamerikanischen Märkte Einhalt zu gebieten. Sollte die Lösung darin liegen, die Vernichtung von Mohnfeldern nach Kolumbianischen Vorbild anhand von Sprühaktionen zu gestalten, wäre dies eine ökologische Katastrophe in den jetzt schon kargen Landschaften. Es müssen alternative Strategien gefunden werden, um dem Problem Herr zu werden.
Auf der Kabuler Afghanistankonferenz Anfang Februar 2004 rückte das Opiumproblem in den Mittelpunkt der Betrachtungen und wurde als Ursache der Probleme in Afghanistan ausgemacht, ohne auch nur einen Lösungsweg aufzuzeigen.

Das Beispiel Afghanistan zeigt, wie mit Drogen Politik gemacht wird. Als Austragungsort im kalten Krieg bis hin zu den jüngsten Feldzügen gegen den internationalen Terrorismus spielt das Land und die Politik um die Drogen eine herausragende Rolle. Es zeigt ebenfalls die verheerende Wirkung auf das Ökosystem.

Die Entwicklung der globalen Klimapolitik seit dem Agenda 21 Beschluss 1992 in Rio de Janeiro und Perspektiven

Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einleitung 3

2. Klimaentwicklung bis 1992 4

3. Das Agenda 21 Abkommen in Rio de Janeiro 8
3.1. Umsetzung des Agenda 21 Abkommens 9

4. Klimafolgekonferenzen 11

5. Emissionshandel 15

6. Klimapolitik zur Sicherung der Lebenswelt 17

7. Schlussbetrachtungen 18

8. Anhang 20

9. Literaturverzeichnis 25

1. Einleitung
Seit dem Bestehen der Erde befand sich das Klima in ständiger, dynamischer Ver-änderung. Interne und externe Faktoren wie die Veränderung der atmosphärischen Zusammensetzung aufgrund von biologischen Aktivitäten oder die von Kometeneinschlägen, führten immer wieder zu Klimaveränderungen, Eiszeiten oder Tropenklima zählten zu diesen Erscheinungen. In der jüngeren Menschheitsgeschichte, seit der Industrialisierung griff der Mensch nach und nach immer weiter in die Natur ein. Die technische Entwicklung nimmt einen exponentiellen Verlauf, der Energiebedarf ist immens. Zunächst wirkte sich das mit der wirtschaftlichen Entwicklung auftretende Umweltproblem nur regional aus. Die globalen Auswirkungen eines ungehemmten rücksichtslosen Wirtschaftswachstums auf Kosten der Umwelt wurden erst spät erkannt und akzeptiert.. Die Umweltdebatte drängte sich in den 70iger Jahren verstärkt auf. Die Gründung der Grünen und das „Waldsterben“ fallen in dieses Jahrzehnt.
Der erste Teil dieser Arbeit soll eine historische induktive Reflexion über die Entwicklung hin zu einer globalen Klimapolitik aufzeigen. McNeills Buch „something new under the sun“ liefert hierzu die Basis, Ergänzung dazu liefert „Environmental Policy and Industrial Innovation“ von David Wallace
Das zwanzigste Jahrhundert steht im Mittelpunkt der Betrachtung. Die Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 in Rio de Janeiro war in dieser Dimension bis dato einzigartig. Deshalb soll der Kern der Betrachtung auch bei dieser Konferenz liegen. Die Entwicklung der dort entstandenen internationalen Klimapolitik, deren Ausdruck sich in weiteren Konferenzen von Kyoto bis Johannisburg wiederspiegelt, setzt sich bis in die Gegenwart fort. Die Entwicklung ist nicht gleichmäßig gegeben. Es existiert eine gewisse Heterogenität unter den Staaten, unter den entwickelten Industriestaaten sowie auch zwischen Industrie- und Entwicklungsstaaten. Dieser Nord-Süd Konflikt in der internationalen Klimapolitik soll hier ebenfalls öfters angesprochen werden.
Die aktuelle Debatte um den Handel mit Emissionen legt eine Betrachtung nahe, für und wider sollen kurz angerissen werden.
Der letzte Abschnitt soll noch einmal die Brisanz des Themas unterstreichen, wie wichtig die internationale Klimapolitik für die Menschheit ist, ob die bisherigen Maß-nahmen ausreichend sind, was noch getan werden muss und wie die Perspektiven aussehen könnten.
Das Klima mitsamt Atmosphäre ist für uns existenziell. Es umgibt jeden von uns, liefert Sauerstoff zum Atmen, bestimmt die Vegetation, die Jahreszeiten und befindet sich in einem globalen Kreislauf. Ohne das Erdklima (und Atmosphäre) wäre dieses Leben nicht möglich.

2. Klimaentwicklung bis 1992
Die letzte enorme Klimaschwankung liegt bereits an die 10.000 Jahre zurück. In der jüngeren Erdgeschichte kam es immer wieder zu Kälteperioden, auch Eiszeiten genannt. Die Ursachen hierfür lagen jedoch bei externen Faktoren, der Mensch – sofern es ihn schon gab- gilt nicht als Verursacher. Kometeneinschläge sowie Veränderungen in der Erdumlaufbahn können hierfür Erklärungen liefern. In den letzten 2000 Jahren jedoch nahm die Menschheitsentwicklung einen rasanten Verlauf. Die Population ist von einigen Millionen auf mehrere Milliarden Menschen angewachsen. Es gibt keinen Flecken auf der Erde, der nicht von Menschen bevölkert ist. Neben der demographischen Entwicklung entwickelt sich in einem noch größeren Umfang der technisch – wissenschaftliche Fortschritt.
Der Mensch benötigt Energie, zum Heizen, zur Beleuchtung und spätestens seit der Entwicklung der Dampfmaschine im achtzehnten Jahrhundert, auch zum Arbeiten. Energie wird meist durch die Verbrennung von fossilen Brennstoffen gewonnen. Fossile Brennstoffe sind Kohle, Öl und Erdgas. Beide Rohstoffe sind organische Verdichtungsprodukte abgestorbener Biomasse, deren Bildung je nach Gut Tausende bis Hunderttausende Jahre dauerte. Der in der Biomasse gebundene Kohlenstoff wird zu langkettigen Molekülen umgewandelt und komprimiert. Dieser Kohlenstoff liefert die Energie bei der Oxidation mit Sauerstoff. Dabei entsteht das berüchtigte Treibhausgas CO2. Kohlendioxid, welches von der Biomasse über Jahrtausende aus der Atmosphäre absorbiert wurde, wird fast schlagartig freigesetzt. CO2 ist zu 0,3% natürlich in unserer Atemluft enthalten, der Anteil nimmt jedoch zu. Die Industrialisierung schritt voran, regionale Umweltprobleme traten mit einschreitender Industrialisierung auf. Bereits um 1900 konnte man in Industriemetropolen nur schlecht atmen, was hauptsächlich den Schwefel- und Stickoxiden, welche bei der Verbrennung von Braun und Steinkohle entstehen, geschuldet war. „Regional air pollution grew acute where heavy industry enjoyed high prestige and political clout, where the objections of the landed interests counted for little, where dirty coal was the cheapest fuel, and wherever large-scale smelting took place.“ In mehreren Regionen auf dieser Erde genoss die Industrialisierung primäre politische Bedeutung. England, Japan, Deutschland, USA sind nur einige Beispiele. Hier begann die Industrialisierung bereits sehr früh und in einem rasanten Tempo. Besonders die Schwerindustrie mit den Hochöfen und ihrem enormen Energiebedarf trugen zur Regionalen Luftverschmutzung bei. Die politische und ökonomische Bedeutung, die der Industrialisierung bei-gemessen wurde übertraf bei weitem die Interessen der Bevölkerung, deren Ge-sundheit gefährdet war. Die politischen Ereignisse bis 1945 sprechen für sich, zwei Kriege verwüsteten die halbe Welt. Zweimal wurde sich eine Materialschlacht gelie-fert, zweimal wurde aufgerüstet und aufgebaut. Es dauerte auch nicht lange bis die Industriekomplexe nach den Kriegen wieder anfingen, die Luft zu verunreinigen. Nach dem zweiten Weltkrieg beginnt auch die explodierende Motorisierung der Be-völkerung. Ein Phänomen, welches bis heute anhält. Die westlichen Industrienatio-nen führten das Feld an, aber auch der Ostblock erlaubte es, jeder Familie ein Auto zu besitzen. Entwicklungs- und Schwellenländer ziehen nach. China verzeichnet Rekordzuwächse bei Fahrzeuganmeldungen. (Fast) Alle Fahrzeuge verbrauchen Treibstoff -gewonnen aus Erdöl. Bei der Verbrennung entsteht neben einer ganzen Reihe schädlicher Abgase das Klimagas CO2, je mehr Treibstoff der Motor ver-braucht, desto mehr CO2 entsteht. Um die Luft in den Industriegebieten zu verbes-sern und die gesundheitlichen Risiken der Bevölkerung zu reduzieren wurden die Schornsteine kurzerhand höher gezogen. So wurden die giftigen Schwefeloxide und Sulfatverbindungen einfach über eine größere Fläche verteilt und damit in geringerer Konzentration. Man hat das Problem einfach etwas ausgeweitet und nicht ganz so schlimm erscheinen lassen. Eine Praxis, die sich bis heute bewährt hat. Das Rostocker Steinkohlekraftwerk z. B. hat nicht umsonst solche vertikalen Ausmaße. Die Technische Entwicklung neuer Filter und politische Kursänderungen ließen in einigen westlichen Industrienationen wie Deutschland, England oder Japan die Luftqualität in den Industriezentren merklich verbessern. Das mag aber nicht davor hinwegtäuschen, dass die regionale Luftverschmutzung auch heute noch ein zentrales Problem darstellt. Besonders in Ballungszentren mit einem hohen Anteil an Schwerindustrie und hoher Motorisierung der Bevölkerung und geringen Umweltauflagen wie Mexiko City, Los Angeles, Schanghai, Bhang Ladesh etc., ist die Luftqualität gesundheitsschädlich.
Regionale Luftverschmutzungen treten relativ schnell ein, sind begrenzt und lassen sich auch vergleichsweise leicht aus der Welt schaffen. Wie kommt es jedoch zu globalen Klimaveränderungen. Das Beispiel von den Flourchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) zeigt, wie internationale Klimapolitik funktionieren kann. Seit Anfang der 90′er Jahre sind sie weltweit geächtet. Sie werden zwar noch illegal hergestellt, jedoch nicht in dem Ausmaß wie vor dem Verbot. FCKW- Verbindungen sind hochgradig schädlich für die Ozonschicht und „Im Vergleich zum klimawirksamen Kohlendioxid besitzen die F. eine 3000 bis 8.000fach höheres globales Wärmepotenzial“.
1970 betrug die weltweite FCKW Produktion über 750.000 Tonnen, 1974 entdeckten Wissenschaftler die zerstörerischen Auswirkungen auf die Ozonschicht, 1985 dehnte sich bereits ein Ozonloch über der Antarktis aus. Zahlreiche Konferenzen seit den achtziger Jahren (1985 Vienna Convention on ozone depletion, 1987 Montral Protocoll, 1990 London-, 1992 Copenhagen-, 1995 Vienna – amendments) unterbanden die weltweite FCKW Produktion, auch wenn China und Indien die Produktion steigerten. Die lange Halbwertzeit von Flourchlorkohlenwasserstoffen lässt die vor UV-Strahlung schützende Ozonschicht noch jahrzehntelang schrumpfen, ehe sie sich langsam erholen wird.
Hierbei handelte es sich um ein eher akutes Problem, welches schnelles Handeln benötigte. Die UV-Strahlung erhöhte sich schnell und war gut messbar, die Ursachen hierfür wissenschaftlich dokumentiert. Dementsprechend schnell konnte sich die internationale Staatengemeinschaft auf verbindliche Regeln zur Prävention oder Schadensabwendung von FCKW-Schäden einigen. Außerdem lieferte die Industrie kostengünstige, weniger schadhafte Ersatzstoffe. Weitaus schwieriger gestaltet es sich bei dem Treibhausphänomen. Selbst im Jahre 2004 gibt es noch eine wissenschaftliche Denkrichtung, welche den Treibhauseffekt negiert und externe Ursachen wie Erdumlaufbahnveränderungen oder erhöhte Sonnenaktivitäten für die Veränderungen verantwortlich machen. Zugegeben, diese Gruppe schrumpft, aber allein ihre Existenz beschreibt das Dilemma, in welchem wir uns immer noch befinden. Bis sich die wissenschaftliche Theorie vom Klimawandel durch den Treibhauseffekt durchsetzen konnte verging und vergeht viel Zeit. Wie kam es jedoch zu einem Umdenken in den letzten 20 Jahren, zu welchem der Nachhaltigkeitsgipfel in Rio de Janeiro 1992 führte? Die politische Entwicklung in der BRD und weiten Teilen der westlichen Welt mit dem Entstehen der Grünen trugen zum einen dazu bei, zum anderen wurden die ökologischen Probleme unübersehbar. „Die Stoffeinträge in die Atmosphäre haben im Zuge der Industrialisierung, die vor etwa 200 Jahren begann, so stark zugenommen, dass sie nun global wirksam werden. Die folgende Tabelle verdeutlicht die gegenwärtigen Emissionsraten und die Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Atmosphäre.“
Klima Gas Gesamte Emis-sionsrate
[109 kg/a] Anthropogene Emissionsrate
[109 kg/a] Mittlere Kon-zentration vor 100 Jahren Derzeitige Kon-zentration
CO2 ~ 5500 5500 0,29 % 0,35 %
CH4 550 300-400 0,9 ppm 1,7 ppm
N2O ~ 25 ~ 6 0,285 ppm 0,310 ppm
FCKW ~1 1 0 ppm 0,003 ppm
Quelle: Crutzen 1996
Anhand dieser Daten wird der Handlungsbedarf deutlich. Der Globale Temperatur-anstieg ist seit den achtziger Jahren messbar. In diese Zeit fallen auch die ersten Szenarien von bedrohlichen Umweltkatastrophen. Die Tschernobylkatastrophe ver-stärkte das umweltpolitische Denken. Ende der achtziger machen sich vermehrt die ersten globalen Umweltprobleme sichtbar, Zunahme von Katastrophen wie Hurrika-ne, Orkane u.ä., Dürrekatastrophen, Verwüstung, Anstieg des Meeresspiegels,
Überschwemmungen, all diese Phänomene nahmen/nehmen exponentiell zu. Es bestand Ende der achtziger Jahre Handlungsbedarf. Der Druck auf die Regierenden nahm vielerorts zu. Der Zusammenbruch des Ostblocks schaffte freie Kapazitäten, da die Gefahr des sowjetischen Bolschewismus endgültig gebannt war und es wurde Zeit und Ressourcen frei für wichtige Umweltdiskussionen. 1992 endlich gab es die bis dato größte UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung, sie gilt als Meilenstein und soll hier kurz behandelt werden.

Postmoderne und Entgrenzte..

2. Von der Moderne zur Postmoderne – Bestimmungen der Begriffe, Beschreibung eines Prozesses

Wann kann man von der Moderne sprechen, ab wann beginnt die Postmoderne? Die Genese dieser Begriffe erfordert schon an sich ein weites Ausholen. Zum Begriff der Postmoderne sei an dieser Stelle auf das Buch von Wolfgang Welsch verwiesen, „Unsere postmoderne Moderne“ , in dem er sich ausführlich zur der Begrifflichkeit äußert. Die Moderne ist das Kennzeichen einer Epoche, die ihren Ursprung im Westen Europas hat. Sie umfasst letztendlich die Gesamtheit der Lebenswirklichkeit der Menschen in einem Prozess der vor vielleicht 300 Jahren begann. Auf ökonomischer, sozialer sowie wissenschaftlicher, religiöser und philosophischer Seite ergaben sich Umwälzungen von ungeahnter Wirkung und Nachhaltigkeit. Schlagworte hierfür sind die Aufklärung mit Philosophen von Kant bis Hegel, Nationenbildung, Industrielle Revolution, die Entstehung von universalistischen Weltanschauungen, welche in letzter Konsequenz zu zwei Weltblöcken führte, die sich im Kalten Krieg gegenüberstanden. Aber auch ein ausgeprägter Materialismus und Positivismus könnte man als moderne Attribute nennen. Wie schon anhand weniger Schlagworte deutlich wird, ist es ein hoch komplexes Gebilde, was es zu beschreiben gilt, mit einer Spannbreite vom Frühkapitalismus Manchester Prägung bis hin zu Keynesianischen Modellen und der kommunistischen, staatskapitalistischen Antwort darauf, sowie den vielen Spielarten dazwischen. Als die Zeichen für einen allgemeinen Durchbruch der Moderne standen und auch die negativen, durch die Umwälzung der bisherigen Verhältnisse, Aspekte sichtbar wurden, die auf ein große Anzahl von Verlierern deutete, begann auch die Kritik und die wissenschaftliche Hinwendung zu dieser Problemgruppe. Diese Zeit ist auch der Anbeginn einer modernen Sozialwissenschaft. Es sei hier nur auf Marx verwiesen, der bereits im Manifest den Charakter einer modernen, globalisierten Gesellschaft beschreibt, “An die Stelle der Manufaktur trat die moderne große Industrie, an die Stelle des industriellen Mittelstandes traten die industriellen Millionäre, die Chefs ganzer industrieller Armeen, die moderne Bourgeois. Die große Industrie hat den Weltmarkt hergestellt, den die Entdeckung Amerikas vorbereitete. Der Weltmarkt hat den Handel, der Schiffart, den Landkommunikationen eine unermessliche Entwicklung gegeben. […] (S.12)“, mit all den negativen Auswirkungen, „Die Arbeit der Proletarier hat durch die Ausdehnung der Maschinerie und die Teilung der Arbeit allen selbstständigen Charakter und damit allen Reiz für die Arbeiter verloren. […] Die moderne Industrie hat die kleine Werkstube des patriarchalischen Meisters in die große Fabrik des industriellen Kapitalisten verwandelt. Arbeitermassen, in der Fabrik zusammengedrängt, werden soldatisch organisiert. Sie werden als gemeine Industriesoldaten unter die Aufsicht einer vollständigen Hierarchie von Unteroffizieren und Offizieren gestellt. Sie sind nicht nur Knechte der Bourgeoisklasse, des Bourgeoisstaates, sie sind täglich und stündlich geknechtet von der Maschine, …(S.23)“ Dass dieser Prozess, den Marx schon vor über 150 Jahren beschrieben hat, noch immer im Gange ist, lässt sich etwa mit Blick auf chinesische Verhältnisse nur schwer leugnen. In Europa haben wir diese frühe Form der Moderne überwunden, wenn auch unter erheblichen Anstrengungen – 2 Weltkriege sprechen für sich.
Was ist aber nun das wesentliche Kennzeichen der Moderne und wie kann der Prozess zu unserer heutigen postmodernen Lebenswirklichkeit gesehen werden? Wie Zygmunt Bauman schon zu Beginn seines Buches über die ausgegrenzten der Moderne schreibt, gibt es etliche Weisen, die Geschichte der Moderne zu erzählen. Deshalb soll sich diese Arbeit, um nicht den Blick zu verlieren, an diesem Autor orientieren. Zu den wesentlichen Kennzeichen der Moderne zählt Bauman hauptsächlich zwei Dinge. Das Streben nach Sicherheit und die Neigung zum zwanghaften Planen. „Die Moderne ist ein gesellschaftlicher Zustand des zwanghaften und süchtig machenden Planens“ Das Planen versucht Unsicherheit zu verhindern. Nur kann kein menschlicher Plan perfekt sein und alle Eventualitäten berücksichtigen – so folgt Plan um Plan ohne die Aussicht auf ein Ende. Die Unlänglichkeit dieses Planens ist der Geburtsprozess von Missständen aller Art, die unter anderem auch zu Exclusionsprozessen führten/führen. Dennoch kennzeichnet die Moderne ein hohes Maß an zu erstrebender Sicherheit. Die Materielle Versorgung wurde in den aufkommenden Industrienationen zunehmend sichergestellt, der Hunger war im Begriff zu verschwinden. Die zunehmende Sicherheit wurde durch den Verlust an Freiheit und Tradition bezahlt. Hierbei sollte jedoch auf die Ambivalenz zwischen Sicherheit und Freiheit hingewiesen werden, durch mehr Sicherheit ergeben sich natürlich auch ganz andere Freiheiten. Die Freiheiten nämlich die dann auch später zur Überwindung der Moderne durch eine (nach-)Moderne führten, die ohne die Sicherheit (in) der Moderne nicht denkbar wären. Die Kollektiv-psychologische Wirkung der Moderne lässt sich durch ein neues Selbstbewusstsein, welches seit der Aufklärung im Entstehen ist, kennzeichnen. Eine zunehmende Arroganz gegenüber nicht-modernen Gesellschaften, eine veränderte Sicht auf die Welt und die Geschichte. Mechanisch, positivistische Modelle und Weltbilder werden zum Mainstream. Die Geschichte wird als ein fortschreitender Prozess betrachtet, der Fortschrittsglaube zur allgemeinen Ideologie. Universalistische Ideen und Ideologien bestimmen das Denken und die Debatten. Der Gipfel der Verfechtung dieser Universalismen, mündete in der Zweiteilung der Welt, dem kalten Krieg.
Charakteristisch für das Leben in der Moderne ist das Streben nach Sicherheit, der Versuch zur Inklusion möglichst aller Mitglieder der Gesellschaft ins Kollektiv. Homogenisierung statt pluraler Heterogenität, Abweichungen von der Norm werden sanktioniert – eine Welt, die sich nach der Marxschen Vorstellung in nur zwei Klassen unterteilen lässt, die von ausgeprägter Homogenität gekennzeichnet sind, ist das Resultat.
Spätestens nach dem Ende des zweiten Weltkrieges zeigte sich jedoch in ganz deutlicher Weise, dass das Projekt (mit den Worten Jürgen Habermaßs) der Moderne zu ungeahnten Auswüchsen führen kann, wie es der Faschismus in all seinen Facetten eindrucksvoll zeigte. Zygmunt Bauman hat den Bezug der Moderne zum Faschismus in einem seiner populärsten Bücher zum Ausdruck gebracht. In dem die Moderne zu solch barbarischen Erscheinungen fähig ist, setzt ein Prozess des Hinterfragens und der Kritik ein. Sobald die Epoche jedoch zum Objekt von sozialwissenschaftlicher Forschung wird, muss man schon in gewisser Weise außerhalb dieses stehen, Abstand haben – sich gewissermaßen in einer Nach-Moderne befinden. Die Grenzen des Moderne Begriffs fielen zuerst in der Architektur- und Kunstdiskussion auf, wo schon am Anfang des 20. Jahrhunderts die Moderne überwunden schien. Es dauerte jedoch bis in die 1960’er Jahre, bis dieser Begriff auch die philosophischen und gesellschaftswissenschaftlichen Diskussionen eroberte und der postmoderne Begriff den eines epochalen, alle Bereiche erfassenden Ausdrucks erreichte. Diese Aussage darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Begriff quasi bis heute um seine Daseinsberechtigung kämpft und keineswegs eindeutig und unumstritten in der wissenschaftlichen Rezension seinen Platz gefunden hat. Wolfgang Welsch führt vier Dimensionen hinsichtlich einzuwendender Kritik des Begriffs an. Diese Dimensionen betreffen 1. die Legitimität, 2. den Anwendungsbereich, 3. die zeitliche Ansetzung und 4. die Inhalte. Aber es soll hier weniger um eine Auseinandersetzung um die Begrifflichkeit gehen, als vielmehr um eine Beschreibung der Wirklichkeit, mit den Prozessen die zu Phänomenen der Ausgrenzung führen. Was unterscheidet nun das postmoderne Leben vom modernen Leben?
Bleiben wir bei der Sicherheit, sie wird zunehmend eingetauscht durch ein „Mehr“ an Freiheit. Die „eingebettete“ persönliche Identität, mit standardisierten Lebensläufen, wenig Flexibilität und Mobilität in der Moderne, wird eingetauscht durch eine Vielzahl von Wahlmöglichkeiten, von unbegrenzten Möglichkeiten, hybride „entbettete“ Bastel- Identitäten. „Wenn das moderne >>Problem der Identität< < darin bestand, eine Identität zu konstruieren und sie fest und stabil zu halten, dann besteht das postmoderne >>Problem der Identität< < darin , die Festlegung zu vermeiden und sich die Optionen offenzuhalten. [...] ,wenn für die Moderne jenes Medium, das die Botschaft ist, das Foto war ([...]), dann ist das ultimative Medium für die Postmoderne das Videoband (leicht zu löschen und wiederverwendbar; danach kalkuliert, nichts für immer festzuhalten, sondern die Ereignisse von heute nur unter der Bedingung zuzulassen, dass die gestrigen gelöscht werden; und dabei sondert es die Botschaft der universalen >>Vorläufigkeit<< all dessen ab, was der Aufzeichnung für wert gehalten wird). Die zentrale identitätsbezogene Angst war in den modernen Zeiten die Sorge um Haltbarkeit; heute ist es das Interesse an der Vermeidung von Bindung. Die Moderne baute in Stahl und Beton; die Postmoderne in biologisch abbaubarem Plastik.“ Um es an dieser Stelle mit den Worten Zygmunt Baumans zu beschreiben, was ein Aspekt bei der Worthülse „Postmoderne“ bedeuten kann. Grob zusammenfassen kann man die wichtigsten Punkte, welche die Postmoderne ausmachen wie folgt: Projekt der Moderne wird hinterfragt, Moderne wird aufgebrochen und erweitert, ergänzt, verändert. Mit den Worten Lyotards: “So gesehen, bedeutet der Postmodernismus nicht das Ende des Modernismus, sondern dessen Geburt, dessen permanente Geburt.“ Die Hinterfragung universalistischer Konzepte führt zur Abkehr von diesen Konzepten. An deren Stelle entwickeln sich eine Vielzahl von Konzepten, wobei keines einen Hegemonialen Anspruch stellen kann. Die „Wahrheit“ gibt es nicht mehr, an deren Stelle befinden sich in der Postmoderne eine Vielzahl von „Wahrheiten“. Der materielle Wohlstand hat neue Freiheiten hervorgebracht, durch die postindustrielle Revolution, zunehmende Technisierung, Keynisianische Wirtschaftsmodelle, dem Ende der Vollbeschäftigung, kulturelle- und bildungs- emanzipatorische Expansionen ist es zu einer Pluralisierung der Lebenswelten sondergleichen gekommen. All diese Entwicklungen bringen natürlich ihre ganz spezifischen Risiken mit sich. Es sind andere Risiken und quantitativ wie qualitativ höhere als noch in der Moderne. Das Leben des einzelnen ist dadurch nicht einfacher geworden, Freiheit bedeutet auch die Freiheit, abzustürzen.
Eine Kritik an dieser Stelle wäre es zu fragen, ob die großen Ideen wirklich am Ende sind (vgl. Lyotard), oder ob nicht nur die eine die andere verdrängt hat. Dem (Neo-)Liberalismus ist eine dominant- beherrschende ideologische Stellung nur schwer abzusprechen. Nach dieser Idee dreht sich heute fast alles, ohne es (zumindest auf der Seite der Macht) zu hinterfragen.
Fest steht jedenfalls, dass wir heute in einer anderen Welt leben als noch vor 1989 und erst recht, wenn man diese Gesellschaft mit den (westlichen)Wirtschaftswunderzeiten vergleicht. Als Teil dieser Gesellschaft, trägt man sie mit und partizipiert an und mit ihr. Die viel beschworene Bürgergesellschaft braucht aktive Bürger mit den materiellen und zeitlichen Ressourcen, um sie zu gestalten. Doch wie viele Teile dieser Gesellschaft haben diese Ressourcen? Ist die Exclusion in der Postmoderne eine andere als noch in der Moderne? Welche Prozesse führen dazu, gestern wie heute? Sind Parallelgesellschaften nicht ein Ausdruck postmoderner Pluralität? Wie verbindet sich modernes Denken und Handeln der Politik mit der postmodernen Wirklichkeit?



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